Der Vorabend des Roten Oktober

Die Februarrevolution

Es war vor hundert Jahren, im Jahre 1917 als in Russland gleich zwei Revolutionen stattfanden: die Februarrevolution und die Oktoberrevolution. Begonnen hat das Jahrhundert auch mit einer russischen Revolution, der Revolution von 1905 bis 1907. Wir haben es also mit einer über zwei Jahrzehnte anwachsenden revolutionären Situation zu tun.

 

Mit der Februarrevolution – noch im ersten Weltkrieg – wurde die über tausendjährige Zarenherrschaft und die 300jährige Herrschaft der Romanows beendet und Russland zur Republik.

Mit der Beteiligung Russlands am 1.Weltkrieg hoffte die Regierung Nikolaus II. nicht nur die Begierden der russischen Bourgeoisie zu befriedigen, sondern auch das Hinterland unter Kontrolle zu bekommen und die nationale Revolution zu vereiteln. Die Rechnung ging aber nicht auf. Im Gegenteil. Der Krieg trieb alle sozialökonomischen Widersprüche auf die Spitze, entlarvte die Zarenmonarchie und legte ihre ganze Fäulnis bloß.

Unter allen kriegführenden Mächten erlitt Russland die größten ökonomischen Erschütterungen. Das Land sah sich vom wirtschaftlichen Zusammenbruch bedroht. Im Dezember 1916 mussten 39 Petrograder Betriebe wegen Brennstoffmangels und elf  wegen der Einstellung  der Stromversorgung schließen. Die Eisenbahnen konnten nicht einmal die Lebensmitteltransporte für die Armee bewältigen. Die Getreidezufuhr in die Städte schrumpfte radikal zusammen. Der Mehlvorrat für Petrograd reichte nur noch für 10 Tage. Fleisch gab es überhaupt nicht.  Die Arbeiterfamilien hungerten. Die zaristischen Behörden waren über die zunehmende Empörung der Massen beunruhigt. „Die Idee eines Generalstreiks gewinnt mit jedem Tag neue Anhänger und wird so populär, wie sie es im Jahr 1905 war“ meldete die Geheimpolizei Anfang 1917.

Die fortschreitende Paralysierung der Wirtschaft und die militärischen Niederlagen zerrütteten endgültig den alten Regierungsmechanismus. Er konnte die Interessen der russischen Bourgeoisie nicht mehr befriedigen. Alle diese Entwicklungen vertieften die Krise der Regierungspolitik. Doch das „Gespenst“ der Revolution drängte die Bourgeoisie stets zu einem Kompromiss mit dem Zarismus. Lenin schrieb: „Klar haben wir die Stellung der Monarchie und der Fronherren, der Gutsbesitzer, vor Augen: Russland nicht der liberalen Bourgeoisie ‚ausliefern‘; lieber ein Kompromiss mit der deutschen Monarchie. Ebenso klar ist die Stellung der liberalen Bourgeoisie: die Niederlage und die kommende Revolution ausnutzen, um von der erschreckten Monarchie Zugeständnisse und eine Teilung der Macht mit der Bourgeoisie zu erreichen“. (W.I. Lenin, Werke, Bd. 21, S. 86)

Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen war aber dergestalt, dass kein Platz für einen Kompromiss übrig war. Die Bourgeoisie, die durch lebenswichtige Fäden mit der Monarchie verbunden war und die Revolution wie das Feuer fürchtete, war zu einem solchen Kampf nicht fähig. Versuche der Palastrevolution und oppositionelle Manöver rüttelten aber an der Zarenmacht und trugen dazu bei, sie zu unterspülen.

Die Arbeiter und die Armen kämpften für Brot, Frieden und echte Freiheit. Der Kampf der Oberen ging um die Ersetzung des einen Monarchen durch einen anderen Monarchen im Interesse der Fortsetzung des Krieges.

Die Bolschewiki – als einheitliches Zentrum mit den Massen

Die Selbstherrschaft konnte aber nicht von selbst zusammenbrechen. Es war eine Kraft erforderlich, die die entstandene Lage ausnutzen und den Zarismus beseitigen konnte. Diese Kraft war die russische Arbeiterschaft, die dabei bewusst die Erfahrungen der Revolution von 1905 nutzte. Es war vor allem den von den Bolschewiki erzogenen prawdistischen Arbeitern zu verdanken, dass sich die Traditionen und die Erfahrungen des revolutionären Kampfes gegen die Selbstherrschaft erhalten hatten.

Das proletarische Petrograd protestierte immer deutlicher und vernehmlicher gegen den Krieg, gegen den Hunger und den Zarismus. Anfang 1917 erlebte die Streikbewegung einen außerordentlichen Aufschwung. Die Zahl der politischen Streiks wuchs an. Mehr als 80 Prozent der Streikteilnehmer streikten im Januar 1917 aus politischen Gründen.

Das Proletariat forderte aber nicht nur Brot. Es verband diese Forderungen mit dem Kampf für die Freiheit, für die Revolution. Die proletarische Bewegung verschmolz mit den spontanen Soldatenprotesten. Die Zustände an der Front und in den Kasernen verstärkten die Verbitterung der Soldatenmassen. Unzufriedenheit nahm auch im städtischen Kleinbürgertum zu. Die revolutionäre Krise im Hinterland und an der Front reifte heran.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre ließen sich vom Chauvinismus verirren. Er hinderte sie, selbst bei der Verwirklichung der Aufgaben der demokratischen Revolution konsequent zu sein. Sie verbanden den Kampf gegen die Selbstherrschaft in der Regel mit „Vaterlandsverteidigung“ und verfolgten eine Politik des Kompromisses gegenüber der liberalen Bourgeoisie. Sie wollten diese an die Macht drängen.

Anders die Bolschewiki. Sie kämpften um die Verbreiterung der Massenbasis und vermittelten unentwegt die Positionen der revolutionären Theorie. Schon Ende 1915 sagte Lenin: „Heute gehen wir wieder einer Revolution entgegen“ und bestimmte die nächsten Aufgaben der Partei. (W.I. Lenin, Werke, Bd. 21, S.425) „Die Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustellen ist die Hauptaufgabe einer revolutionären Partei“ hob er hervor. (Ebenda, S. 426)

In Unterschied zu den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, die ideologisch und organisatorisch zerrüttet und in autonome Gruppen gespalten waren, gelang es den Bolschewiki, ihre Organisation im ganzen Lande um ein einheitliches Zentrum in Gestalt des Russischen Büros  des ZK wiederaufzubauen. A.G. Schljapnikow schrieb in der ersten Februarhälfte 1915 an Lenin: „Man kann sagen, daß nur wir jetzt eine Gesamtrussische Organisation haben“. (Fragen der Geschichte der KPdSU, Nr. 9, 1965, S. 81, russ.) Als im Februar 1917 die revolutionäre Erhebung losbrach, waren die Bolschewiki mit den Massen und leiteten sie an. Die Bolschewiki erwiesen sich als furchtlose und zielklare Führer der revolutionären Kämpfe.

So konnte der Streikkampf einen Massencharakter annehmen und sich mit mächtigen politischen Demonstrationen verbinden. Man weiß, dass „spontane Ausbrüche beim Anwachsen der Revolution unvermeidlich sind“, (W.I. Lenin, Werke, Bd. 29, S. 385) In dieser stürmischen Entwicklung wirkte sich die Kraft nicht nur der geweckten Elementargewalt aus, sondern auch die der stetig wachsenden Elemente des Klassenbewusstseins  und der Organisiertheit. Die Arbeiter lehnten immer entschiedener die Kompromisspolitik ab und folgten den revolutionären Losungen der Bolschewiki. Am 14. Februar gab das Petersburger Komitee erneut ein Flugblatt heraus, in dem es hieß: „Wir dürfen nicht länger warten und schweigen. Die Arbeiterklasse und die Bauern in den grauen Militärmänteln und blauen Blusen müssen sich die Hände reichen und den Kampf gegen die ganze zaristische Clique führen, um der auf Russland lastenden Schmach für immer ein Ende zu machen … Die Zeit des offenen Kampfes ist gekommen!

Am 26. Februar begann der politische Generalstreik in einen bewaffneten Aufstand hinüberzuwachsen. Arbeiter gingen in die Kasernen, verbrüderten sich mit den Soldaten auf der Straße und riefen sie zum Aufstand auf. Am 27. Februar verbreiteten die Bolschewiki ein Flugblatt mit dem Manifest des ZK der SDAPR, in dem gefordert wurde: Die demokratische Republik, den Achtstundentag, die Konfiszierung der gutsherrlichen Ländereien, die sofortige Beendigung des räuberischen Krieges. Die Menschewiki erwähnten in ihrer Proklamation diese Forderungen nicht. Sie wollten die „Bildung einer Provisorischen Regierung“, welche „die Voraussetzungen für die Organisation eines neuen freien Russland schaffen wird“.