Bis zum letzten Blutstropfen

von Anton Sajenko - Übersetzung: Olga Malzew, Swetlana Ebert

Die Kindheit ist die goldene Zeit des Lebens. Glücklich. Sorglos. Fröhlich. Unvergesslich. Nur in der Kindheit gibt es diese endlos langen Tage, die leuchtendsten Farben, die süßesten Bonbons. Alles voller Superlative…

Kinder sind die Blüten des Lebens. Wird dem Kind die Kindheit geraubt, die Liebe genommen, verliert es nicht nur einfach irgendetwas, sondern es wird sich nicht vollwertig weiterentwickeln können, zu DER Persönlichkeit werden, die es hätte werden können, wenn ihm dies nicht widerfahren wäre…

Erwachsene rauben Kindern nicht nur die Kindheit, sie rauben ihnen das Leben.

Die Geschichte, die von Menschen gemacht wird, opferte nicht nur einmal Kinderleben auf ihrem Altar. Die Geschichte ist gnadenlos gegenüber den Kindern! Welches Herz erbebt denn nicht, wenn man alleine die offizielle Statistik hört: 13 Millionen Kinder, die von den Faschisten während des 2. Weltkriegs vernichtet wurden! In den Jahren der deutschen Okkupation wurden in der Stadt Makejewka, damals noch im Oblast Stalino, 12 Konzentrationslager zur Massenvernichtung und Versklavung der Zivilbevölkerung gebaut, nur deshalb, weil sie nicht als Arier galten und damit nicht zur Herrenrasse gehörten…

In Makejewka, wie es in den Archivdokumenten über die Verbrechen, die die deutschen faschistischen Okkupanten an den sowjetischen Bürgern der Stadt Makejewka vom 22. Oktober 1941 bis zum 5. September 1943 begangen haben, steht, „..haben auf Befehl des Stadtkommandanten Major Müller die Verräter der Heimat, die Bürgermeister … Podgajewskij W.S. und Strjuck P.K. am 5. Februar 1942 ein Kinderheim mit der Bezeichnung ‚Obhut‘ zur besser organisierten Vernichtung von Kindern in großem Maßstab eingerichtet, und bei der Stadtverwaltung eine ‚Sonderabteilung für die öffentliche Obhut‘ geschaffen. Im Kinderheim wurde ein extrem hartes Regime eingeführt, die Kinder haben mehrere Tage lang kein Brot bekommen, wurden mit allerlei Abfällen gefüttert, es gab keine medizinische Betreuung“.

Dieses Heim war in Grunde genommen ein Konzentrationslager für die Massenvernichtung von Kindern. Das Gebäude, in dem zwischen 1942 und 1943 auch ein Hospital für deutsche Soldaten war, ist bis heute erhalten geblieben und befindet sich in der Pantschenko-Str. 1A in Makejewka.

Laut dem Rassenunsinn der Nazis sollte das Blut der Slawen minderwertig und unwürdig zur Lebensrettung von deutschen Soldaten sein. Aber in der Not der letzten Kriegsjahre übertrat die Wehrmacht dieses Verbot. An der Ostfront wurden Tausende Ukrainer und Weißrussen zum Blutspenden bis zum letzten Tropfen gezwungen.

Auch die Kinder trieb man so in den Tod. „Infolge von Erschöpfung, Krankheitsepidemien und Lebensmittelvergiftung starben über 300 Kinder, deren Leichen in Massengräber in der Nähe der Siedlung Sozgorodok geworfen wurden. Die Nazis haben die Kinder als „biologischen Rohstoff“ benutzt. Der jüngste Blutspender aus dem Kinderheim „Obhut“ war gerade einmal 6 Monate alt, der älteste – 12.

Die Ärzte Budika und Pasowskij, die vordem Krieg, während der Kriegsjahre und nach dem Krieg im 1. städtischen Krankenhaus gearbeitet hatten, berichteten, dass dieses Krankenhaus in den Jahren der Okkupation zum deutschen Hospital gemacht wurde. Die Deutschen wurden hier nicht nur erstklassig behandelt und gut ernährt, sondern auch mit dem Blut der Kinder versorgt. Hierher wurden Babys aus der näheren Umgebung gebracht, denen gnadenlos das ganze Blut bis zum letzten Tropfen genommen wurde. Eine weitere Quelle für Blut war das Kinderheim „Obhut“. In das Heim kamen Kinder, deren Eltern tot oder nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert waren. Eines von ihnen war Galina Grigorjewna Samochina (geborene Iljuschtschenko), eine der wenigen Überlebenden aus dem Haus „Obhut“. Sie erzählte: „Im Kinderheim haben wir ständig die Geräusche von Schüssen gehört. Es wurden Menschen erschossen. Und die etwas älteren Kinder, die aus ihren Zimmerfenstern zum Park schauen konnten, sahen, wie die Stadtbewohner zur Hinrichtung geführt wurden. Und sie erzählten uns, den Kleinen, dass sie aus dem Boden ragende… Arme und Beine… gesehen hatten.“

Die achtjährige Galja hatte zwei Brüderchen – den fünfjährigen Wolodja und den dreijährigen Slawik. Einmal war ihre Mutter in irgendein Dorf gegangen, um Kleidung gegen Nahrungsmittel zu tauschen, und nicht mehr zurück gekommen. Wie sich herausstellte, war die Frau zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden. Sie wurde erst im Jahr 1945 befreit. Die Kinder blieben alleine. Den Kleinsten, Slawik, nahm eine wohlhabende kinderlose Familie auf. Aber Galja und Wowa brachten die Polizisten ins Kinderheim.

„Unsere Ernährung war fürchterlich: sie luden direkt im Hof eine Karre voller verfaulter Rüben oder trockener Maiskolben ab, so dass die Zähne davon knirschten, doch wir griffen gierig danach, um nicht zu verhungern“, erzählte Galina Grigorjewna. „An den Tag der Massenvergiftung kann ich mich ganz gut erinnern. Es war unerträglich heiß draußen. Sie brachten ein Fass mit dem Blut getöteter Tiere ins Heim, in dem grüne Fliegen schwammen. Diese Flüssigkeit backten sie auf und gaben uns das zum Frühstück. Bis 11 Uhr hatten alle Vergiftungssymptome. Viele, besonders die kleinen Kinder, starben. Mir wurde es schwarz vor Augen, ich ging aus dem Haus und legte mich auf die Bank, die vor dem Eingang stand. Die Kinderfrau packte mich an den Haaren und schleppte mich irgendwohin. ‚Schnell, zur Spülung!‘, schrie sie. Bei allen überlebenden Kindern wurde eine Magenspülung gemacht.
Sie beeilten sich nicht, die Gefangenen des Kinderheims zu töten: die benötigten sie als Blutspender für die verwundeten deutschen Soldaten.

„Die Kinderfrau kam zu mir mit den Worten: ‚Du musst eine Blutprobe abgeben‘ und brachte mich in einen Raum, wo sie mir Blut abnahmen“, erinnerte sich Galina Grigorjewna. „Aber einmal versuchte ich zu fliehen, weil mir nach diesen Blutproben immer einige Tage lang schlecht und schwindlig war.“

Die Flucht gelang Galja nicht. Die Kinderfrau packte sie an die Hand und schleifte sie in den Raum, in dem das Arztzimmer war. Während die Aufseherin sie den Gang entlang schleppte, sah das Mädchen, wie sie aus diesem Zimmer den leblosen Körper eines Jungen heraustrugen.

Im Zimmer stand ein deutscher Offizier neben der Liege und an einem Tisch voller Gläschen saß ein Arzt. Galja legten sie auf die Liege, mit dem Gesicht zur Wand. Galja spürte den Schmerz eines Einstichs an ihrem Arm, drehte sich um und sah, dass von ihrem Arm „eine Leitung wegging“.. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gelegen hatte. Sie weiß nur noch, dass der Doktor anfing, sie vorsichtig an den Schultern hochzuziehen und ihr dann ihr eine dunkle Tablette zum Schlucken gab. Dann kam sie erst wieder in ihrem Bett zu sich. Einige Tage lang konnte das Mädchen nicht aufstehen. „Ich verlor das Gleichgewicht und fiel hin“.

„Ich weiß nicht, wie viel Blut sie aus einem abgemagerten Kind herauspumpen konnten, aber viele Kinder starben“, erzählte meine Gesprächspartnerin. „Einmal schaute ich in unseren Vorratsraum, der sich im Gang befand, und begriff, dass man dort gar kein Essen aufbewahrte…“

Im Schlafraum, wo Galja zwei Jahre verbrachte, gab es eine Glastür. Durch das Glas konnte man den Gang sehen, an dessen Ende sich dieser Vorratsraum befand. Einmal beobachtete Galja, wie die Aufseherin die Tür zu dem Vorratsraum für einen unbekannten Mann öffnete, und er holte etwas heraus, in Stoff eingewickelt. Galja hatte auch schon früher gesehen, wie dieser Mann hin und wieder etwas aus dem Vorratsraum holte, auf eine Karre im Hof legte, mit schwarzem Stoff bedeckte und wegfuhr. Als sie sah, dass die Tür des Vorratsraums offen geblieben war, rannte Galja dorthin in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden.

„Als ich hineinschaute, sah ich, dass dort Kinderleichen bis zu meiner Augenhöhe aufgestapelt waren“, erinnerte sich die Frau. „Ohne klar denken zu können vor lauter Angst, rannte ich in den 2. Stock, in den Schlafsaal der Jungen. Dort lebte mein jüngerer Bruder, und ich wollte wissen, ob er noch lebt. Als ich den Bruder sah, beruhigte ich mich ein wenig.“

Den 6. September 1943 – den Tag, an dem sowjetische Kampfeinheiten Makejewka eroberten – haben die Einwohner von Makejewka, die Gefangenen und auch Galina Grigorjewna Samochina als einen der glücklichsten Tage ihres Lebens in Erinnerung behalten. Auf dem Dachboden des Kinderheims „Obhut“ richteten die Soldaten der Roten Armee ihren Beobachtungspunkt ein.

„Die Soldaten gaben uns getrocknetes Brot und Zuckerstückchen, baten uns nach unten zu gehen und uns vor dem Beschuss zu verstecken“, berichtete meine Gesprächspartnerin lächelnd. „Eine Granate traf das Gebäude des Heimes, es fiel die Verglasung aus den Fenstern raus, aber niemand wurde getötet.“

Am nächsten Tag kamen neue, fürsorgliche Erzieher und Ärzte ins Kinderheim.

Anfang 1944 wurden alle ehemaligen Gefangenen des Kinderheimes “Obhut“ im Internat in der Siedlung Tschistjakowo (der heutigen Stadt Tores) untergebracht, das aus Spenden der Arbeiterinnen der Bergwerke in Kasachstan gebaut worden war. Das war ein echtes Paradies für die Kinder. Das Waisenhaus wurde mit Lebensmitteln und Kleidung direkt aus Kasachstan beliefert, wo es keine Kriegshandlungen gab.

„Erst Jahre später habe ich erfahren, dass der Donbass nach dem Krieg in den Jahren 1945-1947 hungerte, dass Brot auf Lebensmittelkarten ausgegeben wurde“, sagt Galina Grigorjewna Samochina. „Denn bei uns gab es weißes Brot auf dem Tisch, Rosinen und sogar Schokolade. Im Winter stolzierten wir in Mützen und Stiefeln aus Persianerfell herum.“

Im Jahr 2001 beschloss Galina Grigorjewna, Zeugnisse ihres Aufenthalts im Konzentrationslager zu finden. Im Gebäude des ehemaligen Kinderheimes „Obhut“ war zu dem Zeitpunkt ein Kinderinternat untergebracht. Der Sekretär des Internats holte drei Hefte aus dem Safe mit Listen der Kinder, die sich damals im Kinderheim befunden hatten. Eine große Recherchearbeit leistete auch die Direktorin des Kunst- und Heimatmuseums von Makejewka Alla Alexejewna Perepeliza. Galina Grigorjewna Samochina fand dort auch ihren Namen und den Namen ihres Bruders. Dank dieser Listen sind auf dem Denkmal für die Kriegskinder, die Opfer des Faschismus waren, 120 Namen verzeichnet.

„Die Namen der getöteten Kinder zu ermitteln ist uns nur zum Teil gelungen – in den Heften gibt es offensichtlich keine vollständigen Listen“ erzählt die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – Larissa Simonowa.

2005 wurden auf Initiative von Larissa Stepanowna Simonowa und unter der aktiven Teilnahme der Einwohner von Makejewka an dem Ort der Massengräber der mehr als 300 Kinder aus dem Kinderheim „Obhut“ drei Gedenkstelen aufgestellt, auf denen die Namen der getöteten unschuldigen Kinder verzeichnet stehen. Die erste Gedenkstele wurde zum Tag der Befreiung der Stadt von den Faschisten am 7. September 2005 aufgestellt und die beiden anderen mit den Namen und Vornamen der Blutspende-Kinder im Jahr 2006. Das Denkmal wirkt nach außen hin schlicht, aber es ist großartig in seiner Bedeutung. Es ist das bisher einzige Denkmal weltweit, das den Blutspende-Kindern gewidmet ist.

Heute stehen diese Fakten nicht in den Schulbüchern, es wird den Schülern, die die militärische Geschichte ihrer Heimat kennenlernen, über die Blutspende-Kinder nichts berichtet, und in Makejewka selbst ist heute nur ein einziger Augenzeuge dieser Ereignisse übriggeblieben – Wladimir Woloschin, der wie durch ein Wunder überlebt hatte und den Nachkommen die Einzelheiten des Geschehenen in diesen schrecklichen Jahren erzählen konnte. Er war Augenzeuge der Beerdigung der Kinderleichen in der Siedlung Sozgorodok, wo jetzt das Denkmal für diese Kinder steht. Man kann nicht teilnahmslos die Geschichte der Kinder hören, die in den Konzentrationslagern gemartert wurden und zu Opfern des großen Krieges geworden sind.

Im Jahr 2016 hat eine Initiativgruppe, die aus der Vorsitzenden der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – der Stadt Makejewka und Ehrenbürgerin der Stadt Larissa Simonowa, dem Vorsitzenden des Clubs „Gajdarowez“ und Studenten der Fakultät für Geschichte der Uni Donezk Anton Sajenko und der stellvertretenden Dekanin für Erziehungsarbeit an der Geschichtsfakultät der Donezker Universität Elena Schkribitko besteht, die Recherchearbeit für die Wahrung des Andenkens an die kindlichen Zwangsblutspender aus dem Heim „Obhut“ der Stadt Makejewka fortgesetzt.

Die Spur ihrer nicht gelebten Leben verliert sich in der Geschichte – von vielen ist nicht einmal ein Foto geblieben… Sie sind in der Dunkelheit des Daseins verschwunden… Spurlos…

Das Wichtigste heute ist – dieses Gedenken zu wahren, die Orte zu pflegen, wo die Blutspende-Kinder begraben sind, damit wir nicht gezwungen sein werden, die Geschichte zu wiederholen. Von Anfang an…