Der Vorabend des Roten Oktober

Teil II: Die Entstehung der Sowjets und die Rückkehr Leninsbend des Roten Oktober

Im Manifest des ZK vom 27. Februar war von den Sowjets noch nicht direkt die Rede. Es wurde aufgerufen, dass „die Arbeiter der Werke und Fabriken sowie die aufständischen Truppen unverzüglich ihre Vertreter in die Provisorische revolutionäre Regierung wählen müssen, die unter dem Schutz des aufständischen revolutionären Volkes und der revolutionären Armee zu bilden ist“. Zu gleicher Zeit haben die Petrograder Bolschewiki in einem Flugblatt die Bildung von Sowjets (Räte) der Arbeiterdeputierten gefordert. Sie stellten die Aufgabe: „Schreitet in den Werken sofort zu den Wahlen für die Betriebs-Streikkomitees“. „Ihre Vertreter werden den Sowjet der Arbeiterdeputierten bilden, der die organisierende Rolle in der Bewegung übernehmen und die Provisorische revolutionäre Regierung schaffen wird.“ (Die revolutionäre Bewegung in Rußland nach dem Sturz der Selbstherrschaft, Moskau 1957, S. 4, russ.)  Andere Bezirkskomitees handelten gleich.

Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten sind direkt im und aus dem Verlauf des revolutionären Kampfes der Massen entstanden! Lenin schrieb, dass „…die Massen im Februar 1917 die Sowjets geschaffen hatten, sogar noch bevor irgendeine Partei diese Losung ausgegeben hatte. Die große Schöpferkraft des Volkes, das die bitteren Erfahrungen von 1905 durchgemacht hatte, durch sie gewitzigt wurde – das war es, was diese Form der proletarischen Staatsmacht schuf.“ (Lenin, Werke, Bd. 27, S. 76)

Die Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre riefen dagegen die Arbeiter zur „Vernunft“ auf. Gleichzeitig war nach Beseitigung der alten Macht der Mut der kleinbürgerlichen Führer gestiegen, und sie begaben sich auch in den Taurischen Palast, um die Führung in den revolutionären Machtorganen zu übernehmen. Sie hatten den Vorteil, dass sie während des ganzen Krieges legal, in aller Öffentlichkeit politisch tätig sein konnten und über einen so wichtigen Stützpunkt verfügten, wie es die Dumafraktion war. Der Sieg der Arbeiterschaft lag auf der Hand, die aufständischen Arbeiter wählten Abgeordnete in den Sowjet, aber die menschewistischen Führer hatten es eilig, ein Provisorisches Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten zu bilden und nutzten den Stützpunkt der Dumafraktion. Dieses Exekutivkomitee verabschiedete einen Aufruf an das Volk, in dem es sich als „Vertretung der Arbeiter und Soldaten“ bezeichnete und die „Truppen und Werke“ aufforderte, Deputierte in den Taurischen Palast zu entsenden. So missbrauchten sie die Ergebnisse des revolutionären Kampfes, um die Vollendung der Revolution zu verhindern.

Verschiedene Faktoren ermöglichten es ihnen, so vorzugehen. Dazu gehört auch, dass das Russische Büro des ZK der Bolschewiki, das seine ganze Aufmerksamkeit auf den bewaffneten Aufstand richtete, die Frage der politischen Macht unterschätzte. Ein Führer der Bolschewiki in Rußland schrieb dazu: „Alle unsere Gedanken galten dem grandiosen Kampf, der sich auf der Straße entfaltete. … Die Fragen der Praxis des Kampfes drängten alle Aufgaben in den Hintergrund, die die Gestaltung der Bewegung, die Schaffung eines ‚von allen anerkannten‘ Zentrums zur Anleitung des Kampfes und für den Fall des Sieges betrafen.“ (A. Schljapnikow: Das Jahr 1917, Buch 1, S. 97, russ.)  Die Menschewiki konnten ihre Doktrin praktizieren, wonach dort, wo die Revolution eine bürgerliche ist, die Macht an die Bourgeoisie übergehen müsse.

Doppelherrschaft

Das Besondere der politischen Situation bestand darin, dass sich im Lande eine Doppelherrschaft herausgebildet hatte. An die Macht waren verschiedene Klassen gekommen, deren Interessen einerseits durch den Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten und andererseits durch die Provisorische Regierung vertreten und verfolgt wurden. Bekanntlich wurden von Lenin und in Beschlüssen der Partei aus dem Jahre 1905 die Thesen über die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft  und deren Organ, die Provisorische revolutionäre Regierung, entwickelt. „Ihrer Entstehung und ihrem grundlegenden Charakter nach muß diese Regierung das Organ des Volksaufstandes sein. Ihrer formellen Bestimmung nach muß sie das Werkzeug zur Einberufung einer vom ganzen Volke gewählten konstituierenden Versammlung sein. Dem Inhalt ihrer Tätigkeit nach muß sie das Minimalprogramm der proletarischen Demokratie  verwirklichen, das allein geeignet ist, die Interessen des Volkes, die sich gegen Selbstherrschaft erhoben hat, zu sichern.“ (Lenin, Werke, Bd. 9, S. 14)

Jetzt galt es, die Standpunkte entsprechend den neuen Bedingungen zu präzisieren. Lenin griff in diese Diskussion schon aus dem Exil ein. Durch seine Rückkehr nach Russland haben sich die Bedingungen verbessert. In seinen Aprilthesen und in Arbeiten, die diese Thesen ergänzten, erläuterten und weiterführten (Lenin, Werke, Bd. 24), beantwortete er die durch die Revolution aufgeworfenen Fragen. Dazu gehört die Frage nach dem Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Etappe der Revolution, nach der Stellung des Proletariats und seiner Partei zum Krieg und zur bürgerlichen Provisorischen Regierung, nach der Sowjetrepublik, den Wegen zur Eroberung der der Mehrheit in den Sowjets , den Aufgaben der Partei sowie der Schaffung der III., der  Kommunistischen Internationale. Er stellte fest: „Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe  der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der ungenügenden Organisiertheit  des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muß“. (Ebenda, S.4)

Lenin stellte die Losung auf: „Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung“. In der gegebenen Situation war das kein Aufruf zum sofortigen Sturz der Regierung. Das wichtigste war, dass die Provisorische Regierung bei dem entstandenen Verhältnis der Klassenkräfte  keine Gewalt anwenden konnte.

Die entscheidende Voraussetzung für die Verwirklichung des Kurses der sozialistischen Revolution war die Gewinnung der Massen für die Sache der Arbeiterklasse. „Um zur Staatsmacht zu werden, müssen die klassenbewußten Arbeiter  die Mehrheit für sich gewinnen: solange den Massen gegenüber keine Gewalt angewendet wird, gibt es keinen anderen Weg zur Macht. Wir sind keine Blanquisten, keine Anhänger der Machtergreifung durch eine Minderheit. Wir sind Marxisten, Anhänger des proletarischen Klassenkampfes gegen den kleinbürgerlichen Taumel, gegen Chauvinismus und die Vaterlandsverteidigung, gegen die Phrase, gegen die Abhängigkeit von der Bourgeoisie.“ (W.I. Lenin, Werke, Bd. 24, S.22)

Der Krieg war eine der brennendsten Fragen. Lenin rief die Partei auch diesmal auf, den Werktätigen, die der „revolutionären Vaterlandsverteidigung“ verfallen waren, beharrlich zu erklären, dass die russische Bourgeoisie auch nach dem Sturz des Zarismus einen ungerechten, räuberischen, imperialistischen Krieg führte  und dass dieser Krieg nur beendet werden konnte,  wenn die Machtfrage zugunsten des Proletariats gelöst wurde.

Ein für Lenin zentraler Punkt, war die Begründung der Notwendigkeit der Gründung der III. Internationale. Darin sah er eine wichtige Aufgabe der bolschewistischen Partei, da diese auf Grund der objektiven Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung zur Vorhut  der revolutionären Bewegung wurde.

Die Aprilthesen nahmen im geistigen und politischen Leben der Partei einen zentralen Platz in der notwendig gewordenen Einstellung der Partei auf die kommenden Kämpfe ein. Die Rückkehr Lenins in seine Heimat im April 1917 war ein entscheidender Eckpunkt in der Ausrichtung der Partei auf  die erfolgreiche Durchführung des Roten Oktober, der nicht nur Russland, sondern die Welt veränderte und uns bleibende Lehren überließ.