Der 1. Juni – Feiertag oder Mahnung?

Zum Internationalen Kindertag

In Berlin gibt es nichts, was es nicht gibt. Nahezu alle Kulturen und Ethnien sind zu finden, zum Stadtgebiet gehören zwei riesige zusammenhängende Waldgebiete, zahllose Parks, Dutzende Gewässer. Hunderte Ausbildungsberufe können hier erlernt werden, es gibt pädagogisch und kulturell differenzierte Bildungseinrichtungen von der Skandinavischen Kita bis zur Polnischen Europaschule, vom Fußballverein mit multikulturellen Kinder- und Jugendmannschaften bis hin zur kostenlosen öffentlichen Bibliothek. Das Recht, rücksichtslos zu lärmen, wurde zum Grundrecht der Kinder erhoben. Ein wunderbarer Ort, um den Kindertag zu feiern! Im April prahlte die senatseigene „Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH“ im Rahmen der Imagekampagne „#Freiheit Berlin“ von allen Litfasssäulen: „Berlin, dein Herz kennt keine Mauern!“ Die Wirklichkeit sieht anders aus. Hier gibt es Hindernisse, die niemand überklettern kann.

 

„Der“ Berliner lernt schon im Grundschulalter, dass nur ein Teil der Menschen ein auskömmliches Leben führen kann und dass große Anstrengungen erforderlich sind, um dem Schicksal späterer Erwerbslosigkeit zu entkommen. Im sechsten Schuljahr fällt aufgrund des Notendurchschnitts die Entscheidung, wer eine Schule besuchen kann, an der es gute Chancen auf eine spätere höhere Bildung gibt – und wer nicht. Das Schulsystem ist selektiv. Wer mit Beginn der 7. Klasse an eine Integrierte Sekundarschule (ISS) kommt, hat MitschülerInnen mit großen Lernproblemen, vor allem, falls die ISS keine Gymnasiale Oberstufe hat. Hier wird weniger wissensbetont gelernt, soziales Lernen geht auf Kosten der für ein Studium geforderten Lerninhalte. Angesichts der Bestenauslese im Alter von 11 oder 12 ringen Familien schon in den Jahren zuvor um solche Lernfortschritte, die mit Schulnoten belegt werden können.

Wichtige Entscheidungen über die Entwicklung eines Kindes fallen aber vorher. Für eine räumliche Mobilität von Kindern ist die Stadt nicht eingerichtet. Längere Wege zu FreundInnen und Freizeiteinrichtungen können nicht ohne Begleitung von Älteren bewältigt werden, Mama und/oder Papa verbringen viel Zeit mit dem Transport ihrer Kinder, damit die nicht nur zu Hause herumsitzen. Die Eltern sind dann die wichtigsten Lehrer, der Lerngegenstand ist nicht selten die Bewältigung von Alltagssituationen wie Stress und Frustration. In den aktuellen Elterngenerationen – geplagt von Arbeitshetze oder Erwerbslosigkeit – nimmt die Zahl der psychisch Erkrankten ständig zu, wie statistische Untersuchungen belegen. Vermutlich tiefer greifen andere Alltagsverhältnisse in die Kindesentwicklung ein. Glatte Laminat- oder Fliesenböden verhindern jene unsagbar wichtigen psychophysischen Erfahrungen, die wir als „Krabbeln“ bezeichnen. „Reizüberflutung“ und „Konsumterror“ benennen – unwissenschaftlich genug – weitere Ursachen des mit Psychopharmaka behandelten ADHS (Zappelphilipp) – Syndroms von Kindern und Jugendlichen. Zusätzlich flutet die virtuelle Nicht-Welt des Internets den handybelasteten Alltag, sodass wenig kommuniziert, aber eine Menge konsumiert wird. Digitalisierung und Ökonomisierung der frühen und mittleren Kindheit beeinträchtigen jene zauberhafte Einheit von körperlicher Erfahrung und geistig-sprachlicher Entwicklung, die nur Kindern ihr faszinierend geschwindes Lerntempo ermöglicht. Fehlt diese Einheit, führt das zu schweren Entwicklungsstörungen.

Damit „Zappelphilipp“ nicht mehr „Zappelphilipp“ ist, bedarf es eines manchmal brutalen Designs von Persönlichkeiten, die sich selbst immer mehr um Anpassung an die Anforderungen bemühen, je näher der Schulabschluss rückt. Der entscheidet darüber, ob „das wirkliche Leben“ mit einer Berufsausbildung beginnen und unter welchen Bedingungen das nun bald erwachsene Kind seine Arbeitskraft verkaufen wird. Diese Ware – verwertbare Arbeitskraft – später einmal zu besitzen, sie in den Kindern heranzubilden, erscheint als höchstes Ziel, dem Kinder wie Eltern umso mühevoller entgegenstreben, je schlechter ihre Startbedingungen sind. Wer zurückbleibt, kann – auch als Kind – durch Abzug vom notwendigen Lebensunterhalt („Hartz IV“) bestraft werden, was immer häufiger geschieht. Schlimmstenfalls melden sich Kinder bei der Bundeswehr, wo sie als Rekruten einen Schulabschluss nachholen können. Die Kinderrechtskommission der UNO prangert die Bundesrepublik an, weil sie schon 17jährige (also Kinder) für die Armee rekrutiert und dafür aufwändige Werbekampagnen führt – ein klarer Verstoß gegen Völkerrecht und Grundgesetz.

Was Eltern nicht leisten können, das sollten Kitas und Schulen übernehmen. Das Berliner Bildungssystem erreicht Spitzenwerte, wenn Statistiker untersuchen, wie arme und migrantische Kinder schulisch gefördert werden und welche Aufstiegschancen sie haben. Diese „soziale Mobilität“, im Bundesvergleich Spitze, ist im weltweiten Vergleich allerdings auch in Berlin erbärmlich gering. Viel zu wenig geschieht diesbezüglich an Kitas und Schulen, weil deren personelle Basis ähnlich ausgezehrt ist wie die Schulgebäude. Nach einem Vierteljahrhundert Mangelwirtschaft konnte die Verwaltung jüngst nur noch für jede zweite offene Lehrerstelle eine pädagogisch voll ausgebildete Kraft einstellen, und auch bei den ErzieherInnen hat ein Trend zur Einstellung ohne volle Ausbildung eingesetzt. Überlastung und Burnout, im Bundesvergleich auch schlechtere Bezahlung, gehören zu den Ursachen des Personalmangels. Die Unterrichtsqualität an den Sekundarschulen, die die Haupt- und Realschulen ersetzten, die Erweiterung von Nachmittagsangeboten im Ganztagsbetrieb, die Integration von Kindern, die „anders“ sind, die Partizipation von Kindern und Eltern an wichtigen Entscheidungen auf Schulebene …  all diese Reformen waren nie mit der Einstellung von genügend Personal verbunden und sind daher am Scheitern.

Ein Antrieb dieses Verfallsprozesses, der der kapitalistischen Produktionsweise innewohnt, sich aufgrund vorhandener Gegenkräfte aber nicht immer zeigt, ist das Heranwachsen der Quelle aller Werte, der menschlichen Arbeitskraft, in Bildungseinrichtungen, deren Kosten vom Gesamtprofit der Privatkapitalisten abgezogen werden müssen. Denn das dafür aufgewandte Kapital kann sich erst rentieren, wenn die wertschöpfende Kraft als Teil des produktiven Kapitals dann auch angewandt wird. Dieser Profitabzug wird durch die Auszehrung der Kitas und Schulen minimiert, das wird durch angebliche „Sparzwänge“ vertuscht. Zwar verfügt die Stadt über eine Vielfalt von Angeboten, aber bei gleichzeitigem Ausschluss von immer mehr Kindern. 30 Prozent von ihnen fallen schon jetzt unter den Armutsbegriff. Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt Bedingungen, „die die relative Prosperität der Arbeiterklasse nur momentan zulassen, und zwar immer nur als Sturmvogel einer Krise“ (K. Marx). Das erleben arme Kinder seit 1990 und verschärft mit der Vertiefung der kapitalistischen Krise ab 2007. Ob Kinder die wunderbare Zeit vor der Pubertät glücklich und gesund verleben, hängt von den Wohn- und Arbeitsverhältnissen ihrer Eltern ab. Aus Sicht des Klassengegners wiederum stellt es überhaupt keinen Missstand dar, wenn ein Teil der Kinder im Schulalter „scheitert“ und die Masse der scheinbaren Arbeiterüberbevölkerung vergrößert. Wenn die Reallöhne immerzu sinken, weil es jederzeit Erwerbslose gibt, die zur Arbeit unter noch schlechteren Bedingungen bereit sind, dann ist das aus Sicht des Finanzkapitals nur zu begrüßen, da dann der Mehrwert steigt. „Die kapitalistische Produktion … geht äußerst sparsam um mit der verwirklichten, in Waren vergegenständlichten Arbeit. Dagegen ist sie, weit mehr als jede andere Produktionsweise, eine Vergeuderin von Menschen, von lebendiger Arbeit, eine Vergeuderin nicht nur von Fleisch und Blut, sondern auch von Nerven und Hirn“. Während in Berlin jedes dritte Kind arm ist, sind es weltweit ein Drittel aller Kinder, die von Hunger bedroht sind. Als internationaler gesehen, ist der Kindertag kaum ein Feiertag, sondern eine Mahnung.

In der gegebenen Gesellschaftsordnung bleiben erst einmal nur Reformen. Das müssen echte Reformen sein, die an die Grenzen des Kapitalismus heranführen. Aktuell geht es darum, dass Kinder in Gemeinschaftsschulen von der 1. bis zur 13. Klasse einen solidarischen Umgang miteinander erleben und gestalten, ohne dass es zwischendurch eine Auslese der leistungsstärkeren Kinder gibt. Auch die Senatsparteien (sie haben den Verfall der personellen und sachlichen Basis von Kitas und Schulen zu verantworten) planen einige solche Schulen. Aber sie wollen die Gymnasien erhalten, an denen fast 50 Prozent aller Eltern ihre Kinder zur 7. Klasse anmelden, sodass es an diesen „Gemeinschafts“-Schulen ganz sicher keine ausgewogene Schülerzusammensetzung geben wird. Im verständlichen Bestreben, ihrem Kind auch unter den Bedingungen der Konkurrenzwirtschaft die besten Startchancen zu sichern, muss für echte Gemeinschaftsschulen – ohne das Weiterbestehen von Gymnasien – auch in der Elternschaft geworben werden. Sie im nächsten Schritt als Schulen der Solidarität auszugestalten wäre eine Aufgabe, die auf das Wohl aller Kinder gerichtet ist.