Die Bahn kommt! Oder doch nicht?

Als Pendler erlebt man so einiges. Und ich meine jetzt nicht die halbe Stunde, die man durch Berlin fährt. Zum Pendeln muss man schon nochmal in einen Regio umsteigen. Ob man sich nun zur Festival Saison im Zug stapelt, auf verwirrte Touristen trifft oder die Polizei einmal wieder rassistische Kontrollen von Fahrgästen macht, fast jede Fahrt ist ein Erlebnis.

Aber es gibt diese Tage und Wochen, da ist alles anders, an denen sind die obersten deutschen Tugenden von Ordnung, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit aus den Fugen geraten. Oft ist es der überraschende Wintereinbruch, mit dem nun wirklich niemand rechnen konnte oder es ist eine Baustelle. Nun gebe ich ja zu, dass Bahnstrecken ausgebaut werden müssen, aber das könnte man doch alles besser koordinieren.

Was ist mir passiert? Die Bahn hat entschieden auf Grund einer Baustelle den RE5 von Berlin Richtung Stralsund/Rostock vom Gesundbrunnen nach Oranienburg für ca. 1 ½ Monate ausfallen zu lassen. Große Scheiße, aber hey, die S1 fährt ja als Ersatz. Pro Tag eine Stunde mehr Fahrzeit, aber handlebar. Nur wie das nun mal so in einem in unzählige Einheiten zergliederten Unternehmen wie der Bahn ist, weiß manchmal die Eine nicht so recht was der Andere tut. So entschied sich jemand gerade in der Phase auch an die S1 eine Baustelle zu setzen und diese über Pankow umzuleiten. Zehn Minuten mehr Fahrtzeit, Anschluss an den RE nicht mehr wirklich möglich. Keine große Ankündigung, keine Kommunikation…

Also bei Hotline angerufen. Die ersten Mitarbeiter versicherten mein Problem zu verstehen, konnten aber auch nicht mehr sagen, als dass die S1 tatsächlich als Ersatzverkehr geplant ist. Danke, wusste ich, daher rufe ich an. Also neue Nummer auf höherer Stelle bekommen, angerufen, fand die Mitarbeiterin spannend, gleich mal die Fahrdienstleitung angerufen. Eine halbe Stunde später der Rückruf. Doofe Situation, hat keiner bedacht, aber ja, die S1 sei der geplante Ersatzverkehr. Eine Zusage, dass der RE auf die alle 20 Minuten fahrende S1 wartet kann keiner geben, aber es wird versucht, dass das klappt.

Am nächsten Tag am Nachmittag tauchen dann plötzlich Ersatzfahrpläne für den Ersatzfahrplan auf. Rückwirkend gäbe es wohl Busse als Ersatz für die S1. Lustig, ob mein Anruf das ausgelöst hat? Nun gut, Bus nicht auffindbar, keine Ausschilderung, wieder mit der S-Bahn fahren, was soll schief gehen. Oh, Mist, eine arme Sau hat sich wohl vor die S1 geworfen, was jetzt? Schnell über Ostkreuz und Lichtenberg in den Norden von Berlin, weiter ins Brandenburger Land und mit einem Bummelbus eine kleine Tour über die Brandenburger Dörfer. Schön da.

Jut, es ist Freitag, die Woche ist gleich rum, was soll passieren. Der RE Richtung Oranienburg hat Verspätung, den Bus können wir schwer erreichen, aber hey, die S1 braucht ja auch nur 15 Minuten länger also Feierabendbier geschnappt und rein da.

Kurz nach nach Birkenwerder dann die erste Enttäuschung, die Bahn steht. OK, is ne S-Bahn, ist ja normal, passiert mal, gerade ist ja auch Baustelle, sind es halt 5 Minuten länger… denkste. Bei über 30° Außentemperatur in der Sonne stehend wurde es immer wärmer, die Zeit zog sich hin, 5 Minuten, 10 Minuten, 15 Minuten, 20 Minuten … ein Ruck geht durch den Zug. Der Zug fährt! RÜCKWÄRTS! Keine Ansage nichts. Ok, wieder in Birkenwerder. Ein sichtlich überforderter Bahn-Beschäftigter „Naja es gab gerade die Anweisung Schienenersatzverkehr nach Hohen Neuendorf. Nen Baum oder sowas, ich weiß auch nichts.“ – Überall auf dem Gleis verwirrte Reisende.

Auf nach oben. Bisher keine Ansage, keine konkrete Information, mittlerweile haben wir eine halbe Stunde Verspätung. Wir und viele andere stehen verwirrt rum. Der erste Bus als Schienenersatzverkehr kommt, total überfüllt, für uns ist kein Platz mehr. Naja der nächste kommt. Kurz im Internet informiert. Oh, Baum auf den Gleisen, Feuerwehreinsatz, 2 (!sic) Busse als Ersatzverkehr.

Der nächste kommt, schnell rein und hey, irgendwie haben die meisten Leute einen Platz, eine Frau fängt an zu weinen, sie will endlich in Berlin ankommen – andere Fahrgäste beruhigen sie – wir kommen mit anderen Pendlern, die man täglich sieht, ins Gespräch, es muss bereits vor unserem Fahrantritt recht chaotisch gelaufen sein…

Jut, was soll jetzt noch schiefgehen, gleich sind wir wieder an der S-Bahn. Durch das Fenster konnten wir auch kurz die Feuerwehr beobachten, wie sie den Baum entfernt. Hört, hört, die erste Durchsage des Tages. „Liebe Fahrgäste wir erreichen gleich die Station S-Bahnhof Hohen Neuendorf, bitte alle aussteigen, die Fahrt des Ersatzverkehrs endet dort… *grrrt* … Oh der Kollege vor mir hat ne Panne, ich muss Sie bitten hier auszusteigen, wenn Sie über die Brücke laufen sind sich auch schon da.“ – Der Bus lacht aus Galgenhumor, andere reden davon, dass als nächstes wohl die Brücke unter uns zusammenbricht.

Nagut, geschluckt, auf dem Gleis erstmal orientiert. Hm, Bornholmer in 15 Minuten, scheiße, fährt nicht durch, aber schon mal die richtige Richtung. Mal kurz Verbindung mit ebenfalls verzweifelten Einheimischen aufgenommen, es gibt keinen Späti, aber da in die Richtung ist irgendwo nen Kaufland – also auf dahin.

Puh.. alles geklappt. Bier inner Hand, Zug hat noch 3 Minuten. YEAH! 2 Minuten, 1 Minute, gleich ist es soweit… oh. „Zug fällt aus“. Also gut, hingesetzt und beten, irgendwas muss heute doch helfen. Und ja, die Anzeige kommt. Wannsee – 20 Minuten. Jut, das stimmt mittlerweile optimistisch.Gehofft, gewartet, nochmal nen Bier und… SIE KOMMT! Rein und fertig. Zwischendurch nochmal 5 Minuten rumstehen, heute quasi nichts, und schon sind wir mit fast 2 1/2 Stunden zum regulären Fahrplan pünktlich um 19:29 am Gesundbrunnen gelandet.

Das Wochenende zum verdauen genutzt, sind ja nur noch ein paar Wochen, oh, Ausfall auf dem Ring, schnell andere Strecke gesucht, ab sofort 6-monatige Baustelle nördlich von Oranienburg, irgendwann nochmal geplant ne Woche Totalausfall. Langsam denke ich auch, dass der deutsche Arbeiter endlich flexibler werden muss, er mutet sich ja eigentlich kaum etwas zu um arbeiten zu gehen.