Vergessener Kontinent

Ausstellung "Afrika am Scheideweg" auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin. Interview mit KünstlerInnen und Künstlern der Gruppe tendenzen.

Anstoß: Bereits zum fünften Mal organisiert die Gruppe tendenzen Berlin im Rahmen der Rosa-Luxemburg-Konferenz zusammen mit der jungen Welt eine Kunstausstellung. Mit dem Thema „Afrika am Scheideweg – Aufbau oder Migration“ integriert ihr euch in das Gesamtkonzept der RLK. Was sind eure Erwartungen an die Ausstellung?

tendenzen: Als uns das Thema „Afrika“ für die Ausstellung zur Rosa-Luxemburg-Konferenz 2018 vorgeschlagen wurde, haben wir nicht lange überlegt, waren sofort interessiert. Doch bei der Formulierung des Titels merkten wir erst, wie schwierig es ist, einen für die Künstler inspirierenden Titel mit eindeutiger Aussage zu finden. Wir gewannen den Eindruck, dass Afrika ein auch für Linke „vergessener“ Kontinent ist. Selbst in der linken Presse spielen die Probleme Afrikas teilweise eine untergeordnete Rolle. Der Focus lag in der jüngeren Vergangenheit eher auf der gesellschaftspolitischen Entwicklung in Lateinamerika. Es gab bei uns Diskussionen zu den Themen: Kolonialismus in Vergangenheit und Gegenwart, Apartheid, Nelson Mandela, Patrice Lumumba, imperialistische und innerafrika-nische Kriege, Hunger, Elend, Flucht, Kampf um wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung und das Streben nach Anerkennung und Menschenwürde für die Völker Afrikas. Als Ergebnis stand dann dieser Titel fest. Ziel der Ausstellung sollte sein, die Darstellung der gesellschaftlichen Entwicklung Afrikas in Vergangenheit und Gegenwart sowie der Perspektiven für eine selbstbestimmte Zukunft aller Völker dieses Kontinents.

Für uns war von Anfang an klar, dass wir auch in Deutschland eingewanderte und zu uns geflüchtete Afrikaner einbeziehen wollen. Das ist uns allerdings nur sehr bescheiden gelungen. Vielleicht ergeben die Gespräche mit den ausstellenden Künstlern weitere Möglichkeiten, afrikanische Künstler für die Völker ihres Kontinents selbst sprechen zu lassen.

Anstoß: Die Ausstellung ist inzwischen fester Bestandteil der Konferenz. Wie ist die Resonanz auf euren Aufruf im fünften Jahr?

tendenzen: Neben Kollegen unserer Gruppe gibt es Künstler aus der gesamten Bundesrepublik, die bereits zum dritten oder vierten Mal teilnehmen. Die geringere Resonanz in diesem Jahr mag an der beobachteten Verdrängung im gesellschaftlichen Diskurs liegen, aber auch an den problematischen Ausstellungsbedingungen im vorigen Jahr. Die optimalen Bedingungen der URANIA waren im MOA-Hotel schlichtweg nicht vorhanden. Für die Kunstausstellung 2018 werden jedoch neue Räume zur Verfügung gestellt, die den teils sehr engagierten Arbeiten einen würdigen Rahmen geben werden. Wünschenswert wäre es, wenn diese Ausstellung nicht nur am Tag der Rosa-Luxemburg-Konferenz betrachtet werden könnte, sondern auch in einer Anschlussausstellung zum Beispiel in der Ladengalerie der jungen Welt.

Anstoß: Die Gruppe tendenzen macht mehr, als nur einmal im Jahr diese Ausstellung zu organisieren. Was ist euer grundsätzliches Anliegen?

tendenzen: Mit der Bezeichnung „Gruppe tendenzen“ knüpfen wir an die gleichnamige, überparteiliche Kunst-bewegung progressiver Künstler/innen in der alten BRD der 70er und 80er an. Diese entstand aus der Kritik an dem bürgerlichen Kunstbetrieb, der die gesellschaftlichen Probleme ausblendete, und andererseits aus dem Bedürfnis, Kunst und Kultur für den Alltag zu entwickeln. Wir wollen das Leben der arbeitenden Menschen in die Bildende Kunst bringen.

Wir, die „Gruppe tendenzen Berlin“, setzen uns für ein solidarisches, hierarchiefreies Miteinander unter den Künstler/innen ein, um die kreativen Möglichkeiten jedes Einzelnen zu fördern. Wir treten für humanistische Meinungsvielfalt ein und möchten mit künstlerischen Mitteln in der Öffentlichkeit für Frieden und Völkerverständigung werben sowie die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten und deren Zurückdrängung thematisieren. Mit unserer Kunst kämpfen wir gegen Rassismus, Faschismus und Kriegshetze.

Anstoß: Kann man bei euch mitmachen?

tendezen: Künstlerinnen und Künstler, die unser Grundanliegen teilen und die Arbeit in der Gemeinschaft suchen, können zu unseren monatlichen Treffen in der Mediengalerie von ver.di, in der Dudenstraße 10, kommen und sich mit ihren Ideen und künstlerischen Vorstellungen einbringen. Wir besprechen dort unsere Arbeiten, künstlerische und politische Themen und bereiten unsere Aktivitäten vor. Dabei freuen wir uns auf jede neue Anregung, Initiative und Mitarbeit.

Anstoß: Gibt es weitere Projekte für das Jahr 2018 oder darüber hinaus?

tendenzen: Die Ausstellung „Geflüchtete – unsere neuen Nachbarn“ in den Räumen der Berliner MieterGemeinschaft in Neukölln, bis Ende Januar, hat uns auf die Idee gebracht, zu diesem Thema weitere Bilder zu malen und auch in anderen Bundesländern dazu Ausstellungen zu veranstalten. In Mecklenburg – Vorpommern bietet sich bereits eine Möglichkeit an. Es gibt auch die Idee, zu brennenden aktuellen Problemen künstlerische Transparente zu malen und für Demonstrationen befreundeten Organisationen zur Verfügung zu stellen. Wir denken da unter anderem an die aggressive NATO-Politik gegen Russland, die Militarisierung der EU sowie die neofaschistischen Brandanschläge gegen Asyl-Unterkünfte und linke Einrichtungen. Außerdem wollen wir die Ursachen für die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums thematisieren, sowie andere soziale Schieflagen, wie zum Beispiel die katastrophale Wohnungs- und Mietenpolitik in den Städten und Gemeinden.

Anstoß: Wie beurteilt ihr den Stellenwert der Bildenden Kunst in den politischen Kämpfen linker Parteien und Organisationen heute?

tendenzen: Die Bildende Kunst war in der Vergangenheit bereits einmal ein sehr beachtetes Mittel und fester Bestandteil unseres Kampfes. Da gibt es heute viel nachzuholen. Kunst kann die Menschen auf vielfältige Art und Weise erreichen. Mit ihr ist es möglich, unsere aller Köpfe und Herzen sowohl in der Öffentlichkeit des gemeinsamen Kampfes anzusprechen, als auch im ganz persönlichen Bereich, in den besinnlichen Momenten mit Zeit für stilles Betrachten und Genießen.

Die Gruppe tendezen Berlin trifft sich jeden 2. Mittwoch im Monat um 16 Uhr in der Mediengalerie von ver.di, Dudenstraße 10.