Berlin – Siemensstadt: Über 100 und kein bisschen leise!

Endlich grünt und blüht Berlin wieder. Die Sonne scheint und überall singen die Vögel. Die Ahnungslosen – Einfach herrlich. Leider ist das Trällern nicht in Übereinstimmung mit dem alltäglichen Leben in unserer Stadt zu bringen. Es grünt und blüht weder auf dem Wohnungsmarkt noch in den Kitas oder den Schulen. Und wenn man die Nachrichten über die Lage in Syrien, Palästina dem Jemen und noch vielen anderen Teilen unserer Welt hört, wird plötzlich alles wieder ganz grau…… Aber – es ist das perfekte Wetter um auf Spurensuche zu gehen.

Ganz am östlichen Rand vom Bezirk Spandau gibt es einen Ortsteil, der scheinbar so ganz Eins ist mit dem Konzern, für den er gebaut wurde – Siemensstadt. Gelegen zwischen dem Hohenzollernkanal im Norden und der Spree im Süden. Geprägt durch imposante, klotzige Backsteinbauten. Schon im Jahr 1913 waren dort zehn Siemenswerke – vom Dynamowerk, dem Kabelwerk, dem Wernerwerk der Eisengießerei sowie einem riesigen Verwaltungsgebäude an der Nonnendammallee angesiedelt. Schon vor über einhundert Jahren arbeiteten – nein schufteten dort ca. 24 000 Arbeiter und Arbeiterinnen. Selbst für die rasant wachsende Industriestadt Berlin war das einfach riesig.

Natürlich mussten die vielen Arbeiter mit ihren Familien irgendwo wohnen – und so entstanden von ca. 1910 bis 1953 (!) viele Wohnsiedlungen um die Siemenswerke herum. Das hatte für den Siemens-Konzern viele Vorteile – die Arbeiter waren gleich vor Ort wenn sie gebraucht wurden und sie waren durch die Werkswohnungen an den Konzern gebunden. Verloren sie ihre Arbeit – etwa wenn sie für bessere Arbeitsbedingungen kämpften – verloren sie auch ihre Wohnung. Auch ein Bahnhof – Berlin Wernerwerk – wurde gebaut – und 1980 nach Bau der U 7 stillgelegt. Diese Wohnungen hatten für damalige Verhältnisse relativ hohen Wohnkomfort. Auch Bauhausarchitekten waren an der Entstehung beteiligt. Die Wohnungen hatten Balkone oder kleine Gärten – und in Siemensstadt gab es die allerersten Einbauküchen der Welt.

Begonnen hatte alles am 1. Oktober 1847 in Berlin mit der Gründung der Telegraphen – Bau-Anstalt. Gegründet von Werner Siemens und Johann Halske. Schon auf der Weltausstellung 1851 in London erhielten sie eine Auszeichnung für den Bau der ersten Telegraphenleitung. Damit war der Grundstein für den Konzern Siemens gelegt. Siemens war schon vor 1900 der erste multinationale Konzern Europas. Nach Verlusten im ersten Weltkrieg gehörte Siemens schon 1920 wieder zu den führenden Elektrokonzernen. Und wuchs und wuchs… Und so wuchs und wuchs auch Siemensstadt. Nur die Weltwirtschaftskrise 1929 bremste vorübergehend diese Entwicklung. Aber nach 1933 bekam Siemens ganz dicke zu tun: Technik für die Kriegsmaschinerie. 1939 war Siemens der größte Elektrokonzern der Welt. Fehlende Arbeitskräfte machte man durch Zwangsarbeiter aus den „Ostgebieten“ wett. Selbst vor Fertigungsanlagen in Konzentrationslagern – wie etwa in Ravensbrück – schreckte man nicht zurück. Hermann von Siemens wurde dafür zwar in Nürnberg vor dem Kriegsverbrechertribunal als Zeuge vernommen – es kam jedoch nicht zur Anklage.

Nach 1945 erholte sich Siemens in rasender Geschwindigkeit. Schon 1950 war man wieder auf dem Vorkriegsstand mit der Produktion. Und nach 1989 konnte sich Siemens dank der Treuhand noch einige Produktionsstätten der DDR einverleiben.

Heute leben noch etwa 14 000 Menschen in Siemensstadt. Nur zu einem Teil noch in Werkswohnungen – viele Wohnungen sind von Wohnungsgenossenschaften übernommen worden. Die alten Wohnsiedlungen sind aber fast unverändert erhalten – viele stehen unter Denkmalsschutz und ein Teil ist UNESCO-Weltkulturerbe. Ein Spaziergang durch Siemensstadt lohnt sich auf jeden Fall – einfach mal schlendern durch die alten Wohnsiedlungen. Es gibt viele sehenswerte Industriedenkmäler wie den Siemensturm oder das Wernerwerk und auch sehr viele Stolpersteine für ermordete Siemens-Kollegen. Am besten man beginnt mit dem Spaziergang am U-Bahnhof Siemensstadt (U7).

Immer öfter ist es mit der Ruhe in Siemensstadt vorbei – dann sind die Straßen voller wütender Arbeiter mit den roten Fahnen der IG-Metall. Es wird gestreikt – vor allem um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze. Viele von ihnen werden wir sicher am 1. Mai zur Demonstration treffen. Wir sehen uns am Hackeschen Markt. Vergesst die roten Fahnen nicht.