Krankenhaus als Fabrik?

Zu den Ursachen und Auswirkungen des Personalmangels


Stellen Sie sich vor: Sie liegen im Krankenhaus, können das Bett nicht allein verlassen, müssen aber dringend mal. Sie klingeln – keiner kommt. Sie klingeln wieder und wieder – vergebens. Sie können es nicht mehr aushalten und müssen ins Bett machen. Voller Scham liegen Sie in Ihren Ausscheidungen. Endlich kommt eine Krankenschwester; sie erklärt Ihnen entschuldigend, dass sie wegen anderer vordringlicher „Fälle“ nicht eher habe kommen können, sie seien wegen Erkrankungen zu wenige Kollegen.

Oder: Ein Krankenpfleger, der auf einer Intensivstation des Klinikums Vivantes arbeitet, beklagt sich, dass er schon seit Jahren kaum mehr Zeit dafür findet, sich zu einem Kranken einmal ans Bett zu setzen und ihn in seinem Leiden zu begleiten. „Es gibt Dienste, da schaffen wir es nicht einmal, die Körperpflege vollständig zu leisten“. Der Patient bliebe dann ungewaschen, weil ein anderer dringend Hilfe brauche und zu wenig Personal auf Station sei.

Oder: Sie sollen nach einer Fuß-OP (eigentlich keine große Sache) in 14 Tagen entlassen werden. Doch die Wunde fängt an zu eitern, weil Sie sich einen multiresistenten Keim eingefangen haben. So müssen Sie weitere 10 Wochen in einem Isolierzimmer auf Ihre Entlassung warten, wofür sich die Ärzte mit dem Hinweis entschuldigen, dass es zu wenig Reinigungspersonal gebe.

Das ist leider der immer häufiger anzutreffende Alltag in den Krankenhäusern, gleichgültig ob in öffentlicher oder privater Trägerschaft. Grund ist, dass zwischen 1995 und 2015 in deutschen Krankenhäusern rund 30.300 Vollzeitstellen in der Pflege abgebaut wurden. In dieser Zeit ist die Belastung des Pflegepersonals durch steigende Fallzahlen um fast ein Drittel gestiegen. Die Gewerkschaft ver.di stellte bereits 2013 fest, dass insgesamt 162.000 Vollzeitstellen fehlten, davon die meisten in der Pflege. Nach Schätzungen des bundesweiten Aktionsbündnisses Patientensicherheit sind 2015 rund 19.200 Menschen in deutschen Kliniken durch vermeidbare Fehler (u.a. mangelnde Hygiene) gestorben – dreimal mehr als die Verkehrstoten.

Wie ist es dazu gekommen, dass die reiche BRD im europäischen Vergleich der Krankenhaus-Personalausstattung unter dem Durchschnitt liegt, dass Länder wie die skandinavischen und Holland eine 30 – 80 % höhere Personaldichte aufweisen?

Das Sparen fing in den 90er Jahren an, nach der Übernahme der DDR – die Konkurrenz war weg. Den Gesundheitspolitikern aller etablierten Parteien ging es allerdings nicht allein um Ausgabenkürzungen. Im Jahr 2000 leitete die SPD-Grünen-Regierung einen Systemwechsel in der Krankenhausfinanzierung ein, der ein anderes Ziel verfolgte: die Einführung kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Mechanismen in das Krankenhaussystem und, damit verbunden, die Möglichkeit privater Konzerne, in diesem Bereich Profite zu erzielen, also eine medizinische Leistung – und damit das Bedürfnis nach Gesundheit – zur Ware zu machen. Dafür wurde ab 2003 das Finanzierungssystem der Krankenhäuser vollständig auf sogenannte DRGs (Diagnosis Related Groups – diagnosebezogene Gruppen) umgestellt. Den Kliniken wurden von nun an für die Behandlung bestimmter Krankheitsbilder Fallpauschalen bezahlt, unabhängig vom tatsächlichen Behandlungsaufwand.

Zusätzlich geraten die Kliniken unter Druck durch Kürzungen der Bundesländer. Diese sind zur Finanzierung von Bau- und Investitionsmaßnahmen verpflichtet, während die Krankenkassen für den laufenden Betrieb zahlen („duale Finanzierung“). Tatsächlich kommen die Länder ihrer gesetzlichen Verpflichtung aber nicht nach. Seit vielen Jahren bereits wird der jährliche Investitionsbedarf von 6 Milliarden Euro nur etwa zur Hälfte gedeckt. In der Folge werden Mittel, die für Personal und Krankenversorgung vorgesehen sind, in Bauprojekte umgeleitet.
Zugleich erzeugt das DRG-System einen ständigen Rationalisierungs- und Konkurrenzdruck. Krankenhäuser, deren Ausgaben über den Fallpauschalen liegen, sind bei Strafe ihres Untergangs gezwungen, ihre Kosten zu senken. Die Kliniken werden so zur ständigen „Optimierung“ ihrer Kostenstruktur genötigt. Das führt zur Dominanz des betriebswirtschaftlich-ökonomischen Denkens und Handelns über das medizinisch-pflegerisch Notwendige, abgesehen von der menschenverachtenden Haltung: Geld vor Menschenwohl. Diese Ökonomisierung führt dazu, neue Wege zur Steigerung der Einnahmen zu gehen, so z.B. mehr „lukrative Fälle“ an Land zu ziehen, auch wenn das medizinisch gar nicht sinnvoll ist. Andererseits werden weniger „lohnende Fälle“, z.B. chronisch Schwerkranke, nicht gern aufgenommen. Dieser ökonomische Anreiz dürfte eine zentrale Ursache dafür sein, dass in keinem anderen OECD-Land so viele künstliche Hüften eingesetzt und Herzkatheter-Untersuchungen und Brustoperationen durchgeführt werden wie in Deutschland.

Doch die Personalsituation hält mit der Zunahme und Intensität der Behandlungsfälle bei Weitem nicht Schritt; im Gegenteil, die Zahl der Stellen im Bereich der Pflege und Dienstleistung (letzterer meist ausgelagert in Niedriglohnsektoren) ging zurück. Die überfordernde Arbeitsbelastung, der Frust, nicht mehr qualitativ gute Arbeit machen zu können, führt zum Anstieg des Krankenstandes, zur Kündigung und zum Rückgang des Nachwuchses. Letztendlich schadet diese Entwicklung der Versorgung der Patienten.

Daher ist es umso wichtiger, dass wir, alle Bürger, die kollektive Gegenwehr und Protestaktionen der im Krankenhaus Arbeitenden unterstützen. Denn deren Parole „Mehr von uns ist besser für alle“ trifft ins Schwarze. Wir als DKP fragen: Warum wird der Reichtum, den die arbeitenden Menschen schaffen, statt fürs Militär nicht für ein besseres, soziales, solidarisches, kostenloses Gesundheitswesen ausgegeben? Wofür wird der Haushaltsüberschuss des Landes Berlin (für 2017: 2,1 Milliarden Euro) ausgegeben? Jawohl, Geld ist genug da! Doch wohin es fließt, hängt vom solidarischen, gemeinsamen Druck ab. Was Sie unmittelbar tun können?

Unterschreiben Sie den „Volksentscheid für gesunde Krankenhäuser“ des Berliner Bündnisses für mehr Personal im Krankenhaus; machen Sie mit in diesem Bündnis (c/o ver.di, Köpenicker Str. 30, Berlin).
Machen Sie mit bei uns, der DKP.