Wissen ist Macht

Die Rolle der Studierenden für den revolutionären Kampf

Was stellt die Studierendenschaft dar? Ist eine Revolutionierung der Studierenden möglich? Wie ist ihr Verhältnis zur Arbeiterklasse? Diese und weitere Fragen wollte Lenin in mehreren Briefen diskutieren. Es blieb allerdings beim ersten. Der Anstoß hat nachgelesen.

Wir schreiben das Jahr 1903. Unter der studierenden Jugend ist eine Belebung der revolutionären Selbstbetätigung zu verzeichnen. Ein gewisser Teil der Studentenschaft will sich eine klare und einheitliche sozialistische Weltanschauung erarbeiten. Lenin hält das für den richtigen Ansatz um die Studierendenschaft zu revolutionieren. Am Ende müsse die bewusste und unwiderrufliche Wahl zwischen einer der beiden Strömungen stehen, welche sich im revolutionären Lager herausgebildet haben. Das sind einerseits die Sozialisten (damals die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) und andererseits die Sozialrevolutionäre. Gerade letztere aber protestieren gegen eine solche Wahl und propagieren stattdessen eine allgemein-politische Bewegung. Als Gründe dafür geben sie an, dass die Studierendenschaft ja aus sehr verschiedenen politischen Gruppen besteht, weshalb eine ideologische Einigung auf Grundlage einer einheitlichen sozialistischen Weltanschauung erstens nicht möglich und zweitens auch gar nicht wünschenswert sei. Stattdessen heben sie die gemeinsamen Interessen der Studierenden an sich hervor.

Dem entgegnet Lenin kopfschüttelnd:
„Die an die Studentenschaft gerichtete Aufforderung der Partei der Sozialrevolutionäre – „ihre Verbundenheit mit der allgemein-politischen Bewegung zu verkünden und vom Fraktionszwist im revolutionären Lager vollkommen abzusehen“ – ist ihrem Wesen nach nichts anderes als eine Aufforderung, vom sozialistischen zum bürgerlich-demokratischen Standpunkt zurückzugehen.“

„[… D]em Verfasser [des Artikels „Studentenschaft und Revolution“ in der Rewoluzionnaja Rossia, einer Zeitung der Sozialrevolutionäre, Anm. d. Red.] ist der bloße Gedanke vollkommen fremd, daß der Unterschied der Klasseninteressen sich unvermeidlich auch in der politischen Gruppierung widerspiegeln muß, daß die Studentenschaft keine Ausnahme von – der gesamten Gesellschaft sein kann – trotz all ihrer Uneigennützigkeit, Reinheit, idealen Gesinnung usw., daß es die Aufgabe der Sozialisten ist, diesen Unterschied nicht zu vertuschen, sondern ihn im Gegenteil möglichst breiten Massen klarzumachen und in einer politischen Organisation zu verankern. […]

Der Verfasser schämt sich daher nicht, für die revolutionäre Studentenschaft die Losung der „allgemein-politischen Bewegung“ aufzustellen […]. Eben diesen Standpunkt nimmt auch die neueste Spielart der bürgerlichen Demokratie ein – die Opportunisten und Revisionisten, die sich nach einer einheitlichen großen demokratischen Partei sehnen, die friedlich den Weg der Reformen, den Weg der Arbeitsgemeinschaft der Klassen geht. Sie alle waren und sind zwangsläufig stets Feinde des „Fraktions“zwistes und Anhänger der „allgemein-politischen“ Bewegung.“ „Am besten werden die Einigungsphrasen des bürgerlichen Demokraten vom Gang der politischen Entwicklung und des politischen Kampfes selbst widerlegt. […]. Solange es keinen wirklichen Kampf gab, sonderten sich die Akademisten [gemeint sind Anhänger von Studentenbewegungen auf ausschließlich akademischem Boden, Anm. d. Red.] von der „allgemeinen Studenten“masse nicht ab, und die „Einheit“ des gesamten „denkenden Teils“ der Studentenschaft schien unverbrüchlich. Sobald es aber zu Taten kam, wurde die Scheidung der verschiedenartigen Elemente unvermeidlich [gemeint ist z.B. die Scheidung der Sozialisten von den revolutionären Politikern, welche vom Sozialismus nichts hören wollen, Anm. v. Lenin].“

„Bedeutet aber diese Scheidung, daß die sozialdemokratischen Studenten mit den Akademisten „brechen“? […]“ Nein! „Ein Sozialdemokrat, der sich die Arbeit in der Studentenschaft zur Aufgabe stellt, wird sich unbedingt bemühen, selber oder durch Vermittlung seiner Vertrauensleute in eine möglichst große Zahl möglichst umfassender „reiner Studenten“- und Selbstbildungszirkel einzudringen, er wird sich bemühen, den Gesichtskreis jener zu erweitern, die nur akademische Freiheit fordern, er wird sich bemühen, unter denjenigen, die noch nach einem Programm suchen, gerade für das sozialdemokratische Programm Propaganda zu machen.“

Aus: An die Studentenschaft. Die Aufgaben der revolutionären Jugend (Die Sozialdemokratie und die Intelligenz). 1903, LeninWerke Band 7, Seite 30-44. Siehe außerdem LeninWerke Band 7, Seite 28-30 und LeninWerke Band 6, Seite 470.