Sonderbeilage - Mai 2017
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Ohne Vergangenheit keine Zukunft

Erinnerungen einer Gefangenen von Auschwitz (Anton Sajenko, 2016)

Übersetzung: Olga Malzew, Swetlana Ebert

Auf den Ruhm seiner Vorfahren stolz sein darf man nicht nur, sondern man muss es sein; denn diesen nicht zu respektieren ist beschämende Feigheit! (A.S. Puschkin)

Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie sehr wir uns an das Wort „Heldentum“ gewöhnt haben. Es ist alltäglich und banal geworden. Doch um den Sinn dieses Wortes besser zu begreifen, muss man nicht unbedingt in die Lehrbücher schauen. Die wirkliche Kraft dieses Wortes zu spüren, können uns einzig die Augenzeugen der schrecklichen, weit von uns entfernten Ereignisse der Geschichte helfen.

In unserem Kinder- und Jugendclub „Gajdarowez“ wird Arbeit für die militärisch-patriotische Erziehung der Jugend geleistet, werden Veranstaltungen durchgeführt, die den Heldentaten der sowjetischen Soldaten gewidmet sind. Das Aktiv des Clubs sammelt gemeinsam mit dem Museum der 54. Garde-Schützen-Division in Makejewka detaillierte Daten über Veteranen, Teilnehmer an Kampfhandlungen und über Kriegskinder.

Eine alte Freundschaft verbindet Larissa Stepanowna Simonowa mit den Kindern und Jugendlichen des Clubs. Vor vielen Jahren gab es im „Gajdarowez“ das Gesangs- und Instrumentalensemble „Asteroid“, von den Jugendlichen gegründet. Sie sind auf Agitprop-Veranstaltungen, auf Festen und in den Schulen aufgetreten – und so haben sie Larissa Stepanowna kennengelernt, die als Geschichtslehrerin in der Siedlung Jasinowka arbeitete. Sie ist häufig zu Gast in unserem Club. Larissa Stepanowna besucht nicht nur unsere Feste, sondern sie erzieht, indem sie über die Ereignisse der durchlebten Kriegsjahre erzählt.

Die Erinnerungen der unmittelbaren Teilnehmer der Ereignisse helfen, die Vergangenheit wahrheitsgetreu und vollständig zu zeigen, und besonders helfen ihre Erinnerungen, diese weit entfernte Epoche wieder aufleben zu lassen, die Epoche der schweren Kriegszeit 1941-1945.

Wir wollen uns gedanklich in die Menschen hineinversetzen, die diese ganze Hölle überlebt haben und die unter den Schlägen, die ihnen das Schicksal beschert hat, nicht ins Wanken geraten sind, in diese Menschen mit erstaunlicher Widerstandsfähigkeit und Lebensfreude, von denen eine Larissa Stepanowna Simonowa (Mädchenname Konaschewitsch) ist. Vielleicht werden wir danach den Sinn der Worte „Mut“, Heldentum“ und „Heldentat“ besser verstehen.

Konzentrationslager… Dieses schreckliche Wort kennen wir nur aus Büchern. Auschwitz, Buchenwald, Mauthausen… Wir können uns nicht einmal eine Sekunde dieses Schreckens vorstellen, die die Gefangenen dieser Todeslager durchmachen mussten. Wir können nur über die Kraft staunen, die es ihnen erlaubt hat, nicht nur zu überleben, sondern auch, nachdem sie von dort wegkamen, zu glücklichen, vollwertigen Menschen zu werden.

Eine Bestätigung dafür ist das Schicksal von L.S. Simonowa. „Man hat mir schon in der Kindheit gesagt, dass ich ein Glückspilz bin“, sagt die 79-jährige Larissa Stepanowna lächelnd . „Ich bin 1937 geboren. Meine Eltern haben sich in der Kokerei in Makejewka kennengelernt: Vater hat dort gearbeitet, und Mutter hat diese Fabrik mit aufgebaut – sie ist ein wenig früher in den Donbass gekommen, wurde vom Komsomol geschickt.

Vater diente beim Militär und wurde bald an einen anderen Standort versetzt. Er schickte mir von irgendwoher hübsche Kleidchen, in der Kinderkrippe war ich am schönsten angezogen. Ich kann mich ganz schwach erinnern, wie der Vater einmal nach Hause kam mit einer türkischen Decke für Mama und einem Geschenk für mich – das war eine riesige Puppe mit einem Bettchen. Dann ist meine Schwester Allotschka geboren, und Vater (er diente in Sewastopol) hat es durchgesetzt, dass wir zu ihm ziehen durften. Wir hatten schon alles für den Umzug gepackt. Doch frühmorgens fing der Krieg an. Ich kann mich noch erinnern, was im Haus los war, als die Menschen die furchtbare Nachricht erfuhren: alle haben durcheinander geredet, geschrien…

Als der Krieg begann, diente mein Vater auf dem Schiff „Ukraine“ in Sewastopol. Vor Kriegsbeginn, im Frühjahr, hatte er die Erlaubnis für den Umzug seiner Familie nach Sewastopol erhalten. Der Umzug war für den 22. Juni geplant. Die Sachen waren verpackt, wir haben auf den Lastwagen gewartet, und am Morgen sollten wir mit dem Zug nach Sewastopol fahren. Ungefähr bei Sonnenaufgang hat das Haus gesummt wie ein Bienenkorb. Türen knallten, Menschen schrien, Kinder weinten. Mutter drückte uns an sich und klagte bitter: „Krieg, Krieg, Krieg!“ Ein unbekanntes Wort, aber es ließ vor Angst erstarren. Für den Rest meines Lebens habe ich die Stimme von Lewitan (Juri Borissowitsch Lewitan, berühmter sowjetischer Radiosprecher – Anm. d. Übers.) in Erinnerung behalten, die uns aus dem Lautsprecher verkündete, dass der Krieg angefangen hatte. Wir blieben auf dem von den Deutschen okkupierten Territorium. Makejewka wurde zwar erst im Oktober 1941 besetzt. Aber wir, die kleinen Kinder, wussten schon, dass Krieg ist. Vom Zentrum abgeschnitten, litten die Menschen im Donbass Kälte und Hunger, besonders als die Deutschen die Stadt eingenommen hatten. Zuvor hatten die Mütter wenigstens eine kleine Möglichkeit, Sachen gegen Getreide einzutauschen, doch mit der Ankunft der Deutschen war das viel komplizierter geworden, da die zahlenmäßig große Armee der Faschisten nicht nur in den Häusern plünderte, sondern auch auf den Straßen, indem sie den Frauen, die sich in Gruppen sammelten und sogar in andere Stadtbezirke zum Tauschen gingen, die wenigen Sachen wegnahmen. Wir blähten vor Hunger auf, besonders meine kleine Schwester und die Mutter. Die Kinder mit den vor Hunger aufgetriebenen Bäuchen konnte Mutter nicht einfach Fremden anvertrauen. Sie lud ihre jüngere Schwester aus der Stadt Orechowo im Bezirk Saporoschje zu uns ein. Bis jedoch Tante Nina ankam, hatten sich die Ereignisse schon besonders schlimm entwickelt. Mutter erkrankte schwer an Malaria, meine Schwester starb vor Hunger und Kälte. Die Nachbarn unterstützten uns, wo sie nur konnten. Wie durch ein Wunder gelang es, Mutter vor dem unausweichlich scheinenden Tod zu retten. Der eine gab uns Chinin, der andere gab uns den Rat, in den Maisbrei einige Kopfläuse einzurühren, die schon reichlich in jeder Familie vorhanden waren. Mutter stand schwankend vom Bett auf, sammelte einige Sachen zusammen und ging auf den Markt, um sie gegen Maisschrot zu tauschen. Sie ließ mich bei meiner Schwester, hatte in ein weißes Tuch etwas Maisbrei gelegt, daraus einen Lutscher gemacht, den ich meiner Schwester geben sollte, wenn sie weint.

Plötzlich flog die Tür auf und Plünderer mit Maschinenpistolen vor der Brust stürmten herein. Sie nahmen alles, was ihnen in die Hände fiel: Kleidung, Gabeln, Messer, Spielzeug. Sie zogen die Puppe aus dem Schrank, die mir mein Vater geschenkt hatte. Das konnte ich nicht ertragen, ich leistete Widerstand, machte das Fenster auf und schrie: „Sie nehmen meine Puppe weg!“ Einer der Plünderer sah an der Wand das Foto meines Vaters in Matrosen-Uniform, sagte „Marine!“ und durchsiebte das Foto mit der Maschinenpistole. Es hing über dem Bettchen meiner Schwester, die Hülsen fielen direkt auf sie. Die Splitter flogen durch den ganzen Raum. Ich schrie, die Schwester schrie vor Angst auf und erstarrte dann. Das Bettchen von Allotschka stand an derselben Wand, und ein Glassplitter hatte ihr Auge getroffen. Ich sah, wie ihr Äuglein auslief, könnt ihr das euch vorstellen? Ich versuchte, die Nachbarn zu rufen, aber dieser Typ packte mich und stieß mich durch das offene Fenster. Ich klammerte mich an den Fenstergriff und blieb so hängen. Er sah zu, wie ich versuchte, mich festzuhalten, und lächelte. Dann schlug er mich. Ich fiel ins Gemüsebeet, brach mir den Arm, die Rippen… Als meine Mutter vom Markt zurückgekehrt war, fand sie ein völliges Chaos vor, und meine Schwester lag da mit schwarz gewordenen Lippen. Sie war an einem Herzanfall gestorben. Wir begruben Alla auf dem Kosaken-Friedhof, in einer kleinen Kiste aus Sperrholz, in die ich mein Spielzeug legte – Entchen aus Wachs.

Bald danach kam Tante Nina. Mutter wollte mit den anderen Frauen aus unserem Haus in den Dnepropetrowskij-Bezirk gehen, um Sachen zu tauschen.

Im Juni 1942 hatten Massenrazzien zur Verschleppung von Zivilisten nach Deutschland begonnen. Die Einwohner der Stadt fieberten angesichts der Grausamkeiten, die die Faschisten begingen. Diese gründeten nicht nur über 12 Konzentrationslager, 3 Ämter, ein Waisenhaus für die Durchführung von Experimenten, Impfungen und Blutspenden mit Kindern, es gab auch Massenverschleppungen von Zivilisten zur Zwangsarbeit. Es wurde eine Ausgangssperre eingeführt.

An den 26. Juli 1942, als ich 4 Jahre und 7 Monate alt war, kann ich mich erinnern, als ob es gestern wäre. Die Deutschen wüteten. Die Tante entschied, um der Razzia zu entgehen, für eine gewisse Zeit die Stadt zu verlassen, bis die Mutter wiederkäme, und dann zurückzukehren, wenn sich alles beruhigt habe. Wir packten auf die Schnelle und eilten durch menschenleere Straßen zum Bahnhof. Zu unserem Glück stand auf dem Gleis ein Güterzug, überfüllt von Menschen. Das Dach, die Stoßdämpfer und Trittbretter – alles war voller Menschen. Die Tante eilte zum letzten Wagen. Und wir hatten wieder Glück. Die hintere Plattform mit dem Bremsrad war fast leer. Dort waren nur zwei Menschen. Sie hatten Mitleid mit uns und erlaubten uns, uns dazu zu setzen. Bald fuhr der Zug los. Wir fuhren langsam, aber ohne anzuhalten. Die Tante setzte mich in den Kinderwagen, stellte mir einen Topf mit Maisbrei auf den Schoß, zog mir Mütze und Mantel an, wickelte mir die Füße in eine Decke ein – auf der hinteren Plattform war es kalt.

Wie lange wir unterwegs waren, weiß ich nicht, aber die Erinnerung daran bleibt mir mein ganzes Leben lang. Am Himmel brummten Flugzeuge. Es knallten Explosionen neben dem fahrenden Zug, und dann kippten die Wagen um, Flammen schlugen hoch. Durch die Explosionswelle wurden wir in die Umgebung geschleudert. Wir landeten in einem Feld. Die Tante drückte mich mit blutendem Gesicht und blutverschmierten Händen an sich. Ich schrie vor Schmerz auf. Das Gesicht, die Seite, das Bein taten unerträglich weh. Splitter steckten fest in meinem Körper. Einer im Kinn, einige links im Bauch, einer im linken Bein und ein kleiner im Oberschenkel des rechten Beines. Es gab weder Kinderwagen noch Topf mehr. Nur die vor Angst wahnsinnig gewordenen Menschen rannten hin und her, von den Flammen beleuchtet. An uns rannte eine Frau vorbei, die Hälfte des Gesichts war weg und die Hände fehlten.

Uns gegenüber saß eine Frau, die einen Kinderkopf ohne Körper an sich drückte, es lagen Körper, Köpfe, Arme, Beine verstreut. Die Tante versuchte, mich mit ihrem Körper abzuschirmen, damit ich diesen Horror nicht sehe. Sie schleppte mich in eine Schlucht. Setzte mich vorsichtig auf den Schoß, streichelte mir zärtlich über den Rücken und versprach, dass alles gut wird, dass wir bald nach Hause fahren werden.

Foto privatPlötzlich heulte eine Sirene auf und schwarze Lastwagen erschienen neben dem brennenden Zug. Das Geschrei der Menschen verstärkte sich. Hundegebell, deutsche Sprache, die Schreie der Menschen – all das vermischte sich in einem völligen Chaos. Am Rand der Schlucht tauchten schemenhaft Deutsche mit Schäferhunden auf. Sie packten meine Tante brutal und wollten sie ohne mich mitnehmen. Aber sie hielt mich fest an der Hand, ich schrie vor unerträglichem Schmerz. Die Tante stießen sie in den Lastwagen und mich warfen sie direkt den Menschen auf den Kopf. Wie lange wir unterwegs waren und wohin wir gefahren wurden, wusste niemand.

Sie setzten uns in einen Güterzug, sperrten zu und fuhren los. Es gab sehr viele Menschen, fast alle mussten stehen. Vor Müdigkeit und Schmerz konnte ich mich kaum aufrecht halten. Das Gesicht begann zu schwellen und blau anzulaufen. Im Wagen war es stickig und es stank, weil die Menschen ihre Notdurft direkt vor Ort erledigen mussten. Ich hatte Hunger und Durst. Ich wurde immer wieder ohnmächtig. Die Tante feuchtete meine Lippen mit ihrem Speichel an (was sie mir später erzählte). Sie war meiner Mutter gegenüber verantwortlich für mein Leben. Unterwegs überlebten viele nicht und starben, aber es war so eng, dass auch die Toten weiter aufrecht bleiben mussten, weil die Lebenden sie einklemmten. Anfangs schichtete man die Toten an der Wand auf, wofür man dann noch enger zusammenrücken musste, aber die Leichen stanken fürchterlich wegen der Sommerhitze… Dann brachen die Stärkeren heimlich Bretter aus dem Boden und warfen die Leichen unter den Waggon. Es gab nicht nur Erwachsene im Waggon, sondern sogar Säuglinge. Es gab nichts, um sie zu wickeln, es gab kein Wasser. Mitleidige Frauen zerrissen ihre Unterhemden und gaben sie den Müttern. Der Leichengeruch prägte sich für immer in mein Gedächtnis ein. Ich bringe es bis heute nicht fertig, zu Beerdigungen zu gehen.

Mitten in der Nacht kamen wir an. Die Menschen wurden hinausgetrieben wie Vieh. Uns „empfingen“ SS-Leute mit Hunden. Sie reihten uns auf. Es gab viele Kinder. Ein Offizier kam auf meine Tante zu, stieß ihr mit einem Stock gegen die Brust und sagte – „Bordell“ (die Tante war ein hübsches Mädchen), und sie spuckte ihm aus irgendeinem Grund ins Gesicht. Zwei Wachleute stürzten sich gleich auf uns. Die Tante drehte mich mit dem Gesicht zu sich, ich umklammerte sie mit den Armen. Die Wächter fingen an, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, und mich packten sie an den Armen, und jeder zog an mir auf seiner Seite. Aufgrund des unerträglichen Schmerzes, da meine Arme aus den Schultergelenken gerissen wurden und wie Stöcke herunterhingen, verlor ich das Bewusstsein.

Was weiter geschah, weiß ich nicht. Ich bin in einer Baracke in der 3. Etage (der Stockbetten – Anm. d. Übers.) mit geschienten Armen erwacht, in einem Block des Männerlagers. Sie versteckten, pflegten, fütterten mich, versorgten mich medizinisch – die damaligen Kriegsgefangenen Roman Prodius und die Onkel Grischa und Jascha (ihre Familiennamen kenne ich nicht). Dann landete ich im Block B-II-b. Wir Kinder wurden von Frauen versorgt – den Tanten Motja, Klava und Pascha. Und so blieb es bis zur Befreiung.

Etwa zwei Jahre nach der Befreiung, im Jahr 1947, traf ich meine Tante Nina wieder, die erzählte, was mit mir geschehen war, nachdem sie uns getrennt hatten. Der Tante rissen sie die Kleider vom Leib, legten sie auf ein Holzbrett, banden sie fest, und schlugen lange mit Peitschen auf ihren Rücken, mit Gummiknüppel auf die Fersen, trieben ihr Nadeln unter die Fingernägel. Ihr ganzer Rücken und die Fingernägel wurden verstümmelt. Das Fleisch an den Fersen wurde bis auf die Knochen abgeschlagen. Nach der Befreiung lebte sie nicht mehr lange.

Mich schleuderten die Wächter auf die Seite, wo die Toten auf einem Haufen lagen. Währenddessen fuhr eine Karre zu den Toten, die von Gefangenen geschoben wurde. Sie fingen an, die Leichen aufzuladen, und zusammen mit den Leichen landete ich auch dort. Die Tante schrie hysterisch, sie wusste noch nicht, wohin die Leichen und ich gefahren werden. Sie wusste noch nicht, dass die Leichen zum Verbrennen abtransportiert wurden. Wir sind uns dann nicht mehr begegnet, sie dachte, dass ich irgendwo außerhalb des Lagers begraben worden sei. Sie hatte nur einen Gedanken im Kopf: Was soll sie meiner Mutter sagen, die weggegangen war, um Sachen gegen Brot zu tauschen und mich ihrer Schwester anvertraute.

Meine Arme hat ein Feldscher, der deutsche Antifaschist Heinz gerichtet. Wodurch er in dieser Baracke gelandet ist – ist ein Rätsel. Neben den ausgekugelten Armen waren bei mir auch beide Oberschenkel gebrochen. Heinz schiente auch sie erfolgreich. Wie lange ich in der Baracke der Kriegsgefangenen blieb, wusste ich nicht.

Erst viele Jahre später erfuhr ich von meinem Stiefvater, Roman Jewsejewitsch Prodius, wie es gewesen war.

An dem Tag, als sie mich von meiner Tante Nina trennten und ich auf einem Leichenhaufen landete, hatte er „Dienst“ am Ofen des Krematoriums. Seine Kameraden und er kamen mit der Karre für die Leichen, um sie ins Krematorium zu bringen. Sie legten die Leichen auf die Karre, bis ich an die Reihe kam. Als er mich aufhob, stöhnte ich vor Schmerz, da meine gebrochenen Rippen gequetscht wurden, und öffnete die Augen. Ohne viel zu reden, legten sie mich vorsichtig auf die Leichen und rollten die Karre Richtung Krematorium. Dort entschlossen sie sich, mir um jeden Preis das Leben zu retten, da ich auf Russisch nach meiner Mutti rief und um etwas zu trinken bat. Roman sagte: „Was für ein schönes Mädelchen, sie muss einfach leben!“: Sie holten die Kiste, worin sie die den Leichen ausgezogene Kleidung lagerten, und legten mich vorsichtig hin, und nach Dienstschluss brachten sie mich in ihren Block. Dort sind alle Metamorphosen meines Aufenthalts geschehen. Die Gefangenen hüteten ihr Geheimnis streng. Sie entwarfen einen Plan, wie sie mich in einen sicheren Ort bringen konnten. Dabei riskierten sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das Leben der anderen: Wäre meine Rettung bekannt geworden, hätte man die ganze Baracke erschossen.

So landete ich im Männerblock der Gefangenen, wo ich mich eine lange Zeit auf der dritten Etage einer Pritsche versteckte.

Heinz erwies sich als Feldscher, er richtete meine Schultergelenke und stabilisierte sie, indem er den Verband mit Telefonkabeln befestigte. Diese farbigen Kabel bewahrte ich sehr lange auf. Damals kamen sie mir so schön vor! Auf der dritten Etage lagen die Kranken, sie starben leise, und ich lag eine Weile zwischen den kalt gewordenen Leichen. Fette freche Ratten fraßen den Toten Lippen, Nase, Wangen ab. Die Gefangenen brachten mir bei, nicht zu schreien. Ich habe immer noch Angst vor Toten, und Ratten bringen mich in einen Schockzustand.
Als es mir besser ging, wickelten sie mich in eine Decke ein (ich bewahrte sie sehr lange auf, bis sie von einem boshaften Menschen gestohlen wurde) und brachten mich in den 13. Block. Ich wanderte dann von Baracke zu Baracke: sobald irgendwo ein Kind starb, kam ich dorthin. Zum Zweck der Geheimhaltung nannten sie mich im Lager wie die verstorbenen Kinder. Mich durfte es doch nicht geben…

Die Öfen des Krematoriums arbeiteten rund um die Uhr. Die Leichen wurden von den Gefangenen selbst verbrannt. Wir Kinder sahen die Schornsteine, woraus ein brauner Rauch stieg, aber was ein Krematorium ist, verstanden wir damals nicht. Und jetzt braucht jemand bloß unter meinem Fenster eine Zigarette anzuzünden, und schon bekomme ich Atemnot.

Natürlich hatte ich Freunde und wir spielten zusammen. Aber wir taten alles sehr leise. Wir durften uns weder unterhalten, noch lachen, noch laut sein. Für die kleinste Verfehlung wurden wir mit dem Gummiknüppel geschlagen. Unsere Baracken wurden schlecht geheizt, wir Kinder wärmten uns in der Asche der Öfen des Krematoriums. Als die Kommandeurin des Frauenlagers Maria Mendel, deren Erscheinen uns alle vor Schrecken erstarren ließ, uns dort erwischte, versteckten sich meine Freundinnen, nur ich habe es nicht geschafft. Sie trat mir mit ihrem Stiefel auf die Brust, und ich spürte, wie meine Knochen knackten und mein Rücken von der Glut brannte. Natürlich wusste ich damals nicht, dass ich auf menschlichen Knochen lag.

Die erwachsenen Gefangenen sorgten für uns: Frauen machten Puppen aus Lappen, Männer schenkten uns Figuren aus Sperrholz und Kieselsteinen – sie schmuggelten sie für uns aus dem Steinbruch raus. Aber Maria Mendel nahm uns unser Spielzeug weg. Wir aßen streng auf Befehl. In der Baracke stand der Länge nach ein Tisch, und hinter unseren Rücken waren die Aufseher. Gott bewahre – sich umzudrehen oder jemandem auf den Teller zu schauen oder ein Wort mit dem Nachbarn wechseln – wir wurden auf der Stelle verprügelt. Der Kommandant gab den Befehl: „Achtung!“, und alle sollten die Köpfe drehen. „Einen Löffel Suppe und Brot!“ – das hieß, wir sollten nur einen Löffel Suppe essen und einmal vom Brot abbeißen. Einmal täglich kriegten wir eine verdorbene Suppe aus nicht geschälten Steckrüben, mit Erde und Würmern. Dann noch eine fingerdicke Scheibe Brot, Marmelade aus roten Beeten oder eine kleine Kartoffel. Sonst nichts. Wasser – in einer stark rationierten Menge. Trinken, wenn wir Durst hatten, durften wir nicht. Wir konnten uns nicht die Hände waschen, wir alle waren dreckig und grässlich. Und jeder hatte Kopfläuse, eine Unmenge. Ich habe immer noch ein Fleck auf dem Bein – ich kratzte damals an einer Wunde, und es nisteten sich Würmer ein. Die Wunde eiterte und der gelbe Knochen war zu sehen.
Die Kranken mussten ins Hospital, aber das war der sichere Tod. Dort führten sie medizinische Experimente an den Kindern durch, darum versuchten die Frauen bis zuletzt, uns vor solcher „Hilfe“ zu bewahren. Ich kann mich erinnern, wie ein sehr gut aussehender Mann kam, sehr überheblich. Er suchte sich Kinder aus, unter anderem auch Zwillinge. Das was Josef Mengele höchstpersönlich (der Arzt, der besonders grausame Experimente an Menschen durchführte und der von den Gefangenen den Spitznamen ‚Todesengel‘ bekam). Die Kinder, die Mengele auswählte, wurden ins Stammlager gebracht. Dort änderte man ihre Augenfarbe durch Injektionen von Chemikalien, setzte Spritzen direkt ins Herz, amputierte ohne Betäubung, sezierte sie bei lebendigem Leib – man behandelte sie wie Material. Auch an Erwachsenen wurden Experimente durchgeführt. Die Überlebenden dieser Experimente wurden anschließend getötet.

Übrigens gab es in der Nachbarbaracke eine Art Entbindungsstation – aber nicht in dem Sinne, dass den Frauen geholfen wurde, die Geburt durchzustehen. Dort arbeiteten eine polnische Hebamme und eine deutsche Prostituierte, die kontrollierten, dass die Wöchnerinnen ihre Kinder ertränkten, oder taten sie es selbst. Als in unserer Baracke eine Frau direkt auf dem gestampften Boden ein Kind gebar, kam eine deutsche Gefangene auf sie zu, hob das Kind mit einer Schaufel auf und warf es lebendig in den Ofen.

1995, eingeladen von der deutschen Regierung, habe ich unfehlbar meinen Block, meine Pritsche gefunden. Als wir nach Auschwitz gekommen sind, dachten alle, dass ich eine Reiseleiterin wäre – so gut konnte ich mich an jedes Detail erinnern. Ich zeigte, wo der Ofen stand, wo die Baracken und Öfen des Krematoriums gewesen waren. Obwohl wir Kinder damals nicht verstanden haben, was ein Krematorium ist. Wir sahen nur die Schornsteine, aus denen brauner Rauch kam. Diesen Geruch werde ich niemals vergessen. Deswegen bin ich nie beim Picknick dabei, wenn gegrillt wird. Kaum raucht jemand unter meinem Fenster, kriege ich keine Luft mehr. Ich rieche Fäkalien wie ein Hund – das ist auch ein Brandzeichen von Auschwitz. Die Kinder, erschöpft von der Ruhr, mussten ihre schmutzige Kleidung anbehalten – wir durften weder uns noch unsere Kleidung waschen.

Hin und wieder kamen reiche Deutsche ins Lager und kauften sich Arbeitskräfte. Ich gefiel einem Ehepaar aus Weimar, und sie nahmen mich zum Arbeiten mit auf den Bauernhof. Ich sollte eine dicke und bösartige Sau versorgen. Ich habe immer noch Narben auf meinen Händen von ihren Bissen. Aber bei der Sau bin ich nicht lange geblieben: die Frau erwischte mich beim Klauen des Fraßes aus dem Schweinetrog, brach mir mit ihren Stiefeln die Finger und schickte mich zurück ins Lager.

Der nächste Kreis der Hölle (eine Zwischenstation – Anm. d. Übers.) hieß Mauthausen. Aber neben dem Horror, den Demütigungen und dem Schmerz nahm ich von dort einen hellen Traum vom Glück mit, der durch einen gefangenen Lehrer geformt wurde, der ab und zu uns kleine Häftlinge besuchte. „Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als ein großes und freundliches Land“, erzählte er, „wo Schnee auf den Bergen liegt und am Fuß der Berge die Rosen blühen; wo Kinder verschiedene Sprachen sprechen, aber miteinander befreundet sind und in die Schule gehen“.

Ich habe meinen kindlichen Olymp erreicht – ich bin Lehrerin geworden und habe der Schule den Großteil meines Lebens gewidmet. Und die Berge aus dem Märchen, auf deren Gipfel Schnee liegt und an deren Fuß die Rosen blühen, habe ich einmal in Kislowodsk gesehen und musste weinen, was die anderen Touristen nicht verstanden haben.

Als die sowjetische Armee Auschwitz befreite, ist ein Wunder geschehen: In einem der Soldaten habe ich meinen Retter Prodius erkannt. Es hat sich herausgestellt, dass Roman Jewsejewitsch aus Auschwitz geflohen war und sich zu unserer Armee durchgeschlagen hatte. In die Heimat sind wir zusammen zurückgekehrt.

Aber unglücklicherweise hatte ich, die ich in den zwei Jahren so viel durchmachen musste, dass es für einhundert Erwachsene gereicht hätte, nicht nur Makejewka, sondern auch die russische Sprache vergessen. Ich, die Sechsjährige, sprach Deutsch besser als Russisch.

Roman Jewsejewitsch bekam eine Stelle in der Metallfabrik und ein Zimmer im Wohnheim mit dem strengen Verbot, seine Tochter dorthin mitzunehmen. Um mich nicht ins Internat schicken zu müssen, baute er ein Häuschen im Schrank, wo ich mich erfolgreich vor der Putzfrau versteckte, während mein Vater in der Fabrik arbeitete. Spazieren ging ich in der Nacht, stieg durch das Fenster, und er ging mir nach – natürlich durch die Tür. Einmal brachte er Fußlappen von der Fabrik mit. Er färbte sie mit Holunder und nähte mir einen Hosenanzug daraus, könnt ihr euch das vorstellen?! Hose und Jacke. Am Wochenende kaufte er Sonnenblumensamen, schälte sie für mich und gab mir die Kerne. Und auch einen Ölkuchen brachte er mir mit. Das war für mich so ein richtiges Fest – ich kann das gar nicht beschreiben. Bald darauf bekam er ein Lebensmittelpaket, in dem Raffinade von bläulicher Farbe und Brot war. Den Geschmack dieses Zuckers, den Geruch dieses Brotes werde ich nie vergessen.

Und meiner eigenen Mutter begegnete ich beim Anstehen nach Brot, und mit einem Lutscher überredet, willigte ich ein, diese unbekannte und aus irgendeinem Grund heulende „Tante“ zu besuchen, aber nur in der Gesellschaft des Vaters. So kehrte ich nicht nur vom Todeslager nach Hause zurück, sondern brachte auch der verwitweten Mutter einen geliebten Menschen, einen Ehemann, mit dem sie in Glück und Einklang bis ins hohe Alter zusammenlebte.

An diesem Punkt könnte man die Wunder für ausgeschöpft halten, wenn man mal von meinen Erfolgen im Sport, zwei abgeschlossenen Studien und der Mutterschaft gegen aller Prognosen der Ärzte absieht.“

Sie hat Hunderte Male dem Tod ins Gesicht geschaut. Doch das Schicksal hat sie, obwohl es in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges für sie schwere Prüfungen bereit hielt, trotzdem vor dem Schlimmsten bewahrt, und mit ihren 76 Jahren schafft es Larissa Stepanowna noch, anderen Menschen zu helfen, die Interessen derer durchzusetzen, die, wie sie selbst, auch die Schrecken der Konzentrationslager überlebt haben.

Die Sprache der Gerichtsakten ist trocken und sachlich. Und es ist schwer sich vorzustellen, wie die Anklagen aus dem Munde der Menschen geklungen hätten, die zwar am Leben geblieben, aber deren Leben der Krieg trotzdem zerstört hat: das Leben der Witwen, der verwaisten Kinder, der Bewohner von Leningrad, die nur durch ein Wunder die Blockade überlebten, und noch das von Millionen, deren Leben sich in „vorher“ und „nachher“ teilte. Unter ihnen könnte auch ein Mädchen namens Larissa sein, die den Verbrechern die Brandmale von Auschwitz vorgelegt hätte, die sie mit 5 Jahren auf den Körper bekam.

Heute setzt sie, die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Gefangenen der Konzentrationslager der Stadt Makejewka, sowohl die Gleichaltrigen als auch die jüngeren Menschen in Erstaunen: Wenn jemand Hilfe braucht, vergisst Larissa Stepanowna die eigenen Krankheiten und erledigt Behördengänge. Im Jahr 1989 hat sie die ehrenamtliche Stadtorganisation der ehemaligen Gefangenen des Faschismus gegründet. Die Organisation zählt 5216 Menschen in ihren Reihen. Larissa Stepanowna leistet umfangreiche ehrenamtliche Arbeit für die Erziehung der heranwachsenden Generation. Sie führt einen Briefwechsel mit den deutschen Städten Köln, Berlin, Bochum, Chemnitz und auch mit Österreich.

Larissa Stepanowna Simonowa, die in den Kriegsjahren 1941-1945 gelitten hat, wurde mit drei Orden ausgezeichnet „Für Verdienste gegenüber der Ukraine“, „Für Mut“ III. Grades und der Gedenkmedaille des Internationalen Verbandes der ehemaligen Häftlinge des Faschismus „Die Ungebrochenen“ für Widerstand und Treue zur Heimat. Außerdem wurden Larissa Stepanowna über 20 weitere Auszeichnungen und Jubiläumsmedaillen verliehen.

Es wird gesagt, dass der Mensch für das Glück geboren wird. Ich möchte nicht entscheiden, ob das stimmt oder nicht, aber ich weiß, dass es nicht allen und nicht immer gelingt, dies in vollem Umfang zu erleben. Und hier spielt das Schicksal eine große Rolle, das man nicht umgehen kann. Zu Larissa Simonowa war es zwar gnädig, aber es hat ihr solche Prüfungen auferlegt, die für mehrere Leben gereicht hätten. Sie ist Ehrenbürgerin unserer Stadt, ein MENSCH (in großen Lettern geschrieben). Ihr Leben ist heldenhaft und ein Beispiel für uns Jugendliche. Über diese Frau könnte man Romane schreiben, und man müsste sich dafür überhaupt nichts ausdenken. Und wenn jemand weiß, was Hölle bedeutet, dann ist es sie, die am eigenen Leib die Grausamkeit der faschistischen Unmenschen und die schrecklichen Leiden von Auschwitz erlebt hat. Nicht zufällig sind die besten Jahre ihres Lebens mit der Recherche-Arbeit verbunden. Und begonnen damit hat sie im Jahr 1988.

„Damals fand in Kiew, im Haus der Offiziere, die erste Versammlung der minderjährigen Häftlinge der Konzentrationslager statt“, erinnert sich Larissa Stepanowna. „Unter den 800 Teilnehmern war auch ich. Auf der Versammlung wurde ein Internationaler Verband der minderjährigen Gefangenen der Konzentrationslager gegründet. Im Verlauf eines Jahres ist auf meine Initiative hin eine solche Organisation auch im Bezirk Donezk entstanden, und 1991 auch in unserer Stadt. Ich wurde zur ihrer Vorsitzenden gewählt.“
Seitdem wurde eine gewaltige Arbeit getan. Der Stadt hat die Namen von 7000 Menschen erfahren, die in faschistischer Gefangenschaft waren; Dokumente für 4,5 tausend Menschen hat Larissa Stepanowna persönlich in Archiven aufgestöbert. Das hat vielen erlaubt, ihre finanzielle Lage zu verbessern aufgrund der Entschädigungszahlungen aus Deutschland. 2014 zählte die Organisation der minderjährigen Gefangenen der Stadt 2264 Menschen.

In 24 Jahren hat L. S. Simonowa im Rahmen der Organisation eine riesige Arbeit geleistet: Die Bewohner der Stadt Makejewka haben von den 7000 Menschen erfahren, die in faschistischer Gefangenschaft waren; Dokumente für Tausende von Menschen hat sie persönlich in den Archiven des Donbass und außerhalb der Region gefunden.

Vor zwei Jahren zählten zur Organisation der minderjährigen Häftlinge der faschistischen Konzentrationslager 2264 Menschen, aber bei den jetzigen Kampfhandlungen im Donbass hat sich ihre Zahl auf 400 Menschen verringert, weil viele die starke psychische Belastung nicht ertragen haben. Nach den Beschüssen der Stadt hat Larissa Stepanowna gemeinsam mit den Mitgliedern des Kinder- und Jugendclubs „Gajdarowez“ den betroffenen Bewohnern geholfen, sich wieder zu erholen, medizinische Betreuung zu erhalten.

Heute gibt es in unserer Stadt ein ungewöhnliches Denkmal, übrigens bis jetzt das einzige in der Welt, das den Blutspende-Kindern gewidmet ist. In den Jahren der Okkupation ist in unserer Stadt etwas geschehen, was bis jetzt die menschlichen Herzen empört. Die Deutschen haben in Makejewka ein Waisenhaus namens „Obhut“ gegründet, dessen Gebäude bis jetzt noch unter der Anschrift Pantschenko Str. 1a zu finden ist, wohin Kinder aus der ganzen Stadt gebracht wurden. Diese Kinder sind zwangsweise als Blutspender benutzt worden für Soldaten der deutschen Armee. Den kleinen Bewohnern von Makejewka haben die Faschisten Blut abgenommen für die Rettung ihrer eigenen Soldaten. Dafür haben sie Kinder ausgesucht, die ihre Eltern verloren hatten oder deren Eltern nach Deutschland verschleppt worden waren. Das war echtes Blutsaugertum. Die jüngste ‚Spenderin‘ war Mascha Sidorowa. Faschisten haben ihr Blut abgenommen, als sie kaum 6 Monate alt war. Das älteste Blutspende-Kind war 12 Jahre alt. Natürlich haben viele Kinder solche Folter nicht ausgehalten, anders kann man solche Handlungen nicht nennen. Vom Waisenhaus bis zum Friedhof pendelte ein Karren, von dem die Kinderleichen in ein Grab geschüttet wurden. Mehr als 300 Kinder sind gestorben, die ihr Leben dafür gegeben haben, dass es uns jetzt gut geht. Und wenn es nicht die Recherchen von Larissa Stepanowna gäbe, hätten wir kaum davon erfahren.

Larissa Stepanowna erzählte dies mit zitternder Stimme, und ich bekam Gänsehaut. Das war eine Lehrstunde des Mutes, eine Unterrichtsstunde, in der die Kinder lernten, den Frieden zu schätzen, die Älteren zu respektieren, das zu bewahren, was unsere Vorfahren während des Großen Vaterländischen Krieges verteidigt haben.

Während der festlichen Veranstaltungen zum 1. Oktober, dem Tag der Alten und Veteranen, und zum 9. Mai (dem Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus – Anm. d. Übers.) wurde den Kindern und den Erwachsenen warm ums Herz vom Optimismus und der Herzlichkeit, von der mächtigen Energie, die von dieser Frau ausging, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen gewidmet hat, dem Wertvollsten, was der Mensch besitzt. Die Kinder erinnern sich begeistert an diese Begegnungen mit dieser lebenden Legende, zu den Festtagen widmen sie ihr Gedichte und Lieder, führen innige Gespräche über die Werte des Lebens, über die geistige Erziehung, über Mitmenschlichkeit und Liebe.

Larissa Stepanowna gehört zu denen, die zu jeder Heldentat fähig sind, aber damit nie angeben würden. Das, was sie erleben musste, liest man nicht einmal in den schrecklichsten aller Märchen. Und doch hat sie den Beruf einer Lehrerin gewählt, dem sie über 50 Jahre ihres Lebens widmete.

Ihr Schicksal ist ein Beispiel für Selbstbeherrschung, Widerstandskraft und Geduld. Vielleicht darum hat sie wohl der liebe Gott vor dem Schlimmsten bewahrt, weil er wusste, dass sie in der Lage ist, den Lebenden die grausame Wahrheit des Lebens beizubringen, ohne dabei ihre Bestimmung zu vergessen, das Gute zu tun. Larissa Simonowa ist eine lebende Legende unserer Zeit, ohne jegliche Übertreibung. Ich kenne sie persönlich seit 6 Jahren, bin mit ihr die ganze Zeit befreundet und bin sehr stolz darauf.

Ich sehe in diese Augen, die mit vielen Falten umgeben sind, ich höre diese Rede mit vielen Abschweifungen, die meine Gesprächspartnerin manchmal auf ganz andere Erinnerungen bringen, und denke: Woher hat so ein zerbrechlicher Mensch so viel Kraft?… So viel durchzustehen, in der Schule als Lehrerin tätig zu sein und dabei jeden Tag einen Teil ihres Herzens den Kindern zu schenken, und außerdem eine titanische Arbeit für die Wiederherstellung der Rechte der nach Deutschland Verschleppten zu tun, ihnen Hilfe zu leisten, damit sie ihre Entschädigungen erhalten… Keine Dokumente sind in der Lage, die Größe dieser Epoche und dieser Menschen widerzuspiegeln. Ohne das Zeugnis der Kriegsteilnehmer kann man die Geschichte nicht begreifen, nur sie geben uns die Möglichkeit, dem Geist der Kriegszeiten nachzuspüren, ist ihr Leben doch eine Verkörperung, eine lebendige Gestaltung der uns so vertrauten, aber doch nicht vollkommen ergründeten Worte „Heldentat“, „Heldentum“, „Mut“…

Die Sache, der Larissa Stepanowna ihr ganzes Leben gewidmet hat, sollten wir, die junge Generation, weiterführen, damit es Frieden gibt, das Leben auf dem Planeten weitergeht, die Sonne scheint.

Es sei Frieden auf dem blauen Planeten,
in den wir ewig verliebt sind.
Und die Kinder sollen nie mehr
Die blutigen Augen des Krieges sehen…

P.S. Diese Arbeit befindet sich im Museum des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Ravensbrück, und die Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses zu den Blutspende-Kindern wird bis heute von einer Initiativgruppe, der die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Häftlinge – Opfer des Faschismus in Makejewka L.S. Simonowa, die stellvertretende Dekanin für Erziehungsarbeit der Fakultät für Geschichte der Universität Donezk E.A. Schkribitko sowie der Vorsitzende des Rates des Clubs „Gaidarowez“ und Student der Fakultät für Geschichte der Donezker Universität A.S. Sajenko, angehören, weitergeführt.

Bis zum letzten Blutstropfen

von Anton Sajenko - Übersetzung: Olga Malzew, Swetlana Ebert

Die Kindheit ist die goldene Zeit des Lebens. Glücklich. Sorglos. Fröhlich. Unvergesslich. Nur in der Kindheit gibt es diese endlos langen Tage, die leuchtendsten Farben, die süßesten Bonbons. Alles voller Superlative…

Kinder sind die Blüten des Lebens. Wird dem Kind die Kindheit geraubt, die Liebe genommen, verliert es nicht nur einfach irgendetwas, sondern es wird sich nicht vollwertig weiterentwickeln können, zu DER Persönlichkeit werden, die es hätte werden können, wenn ihm dies nicht widerfahren wäre…

Erwachsene rauben Kindern nicht nur die Kindheit, sie rauben ihnen das Leben.

Die Geschichte, die von Menschen gemacht wird, opferte nicht nur einmal Kinderleben auf ihrem Altar. Die Geschichte ist gnadenlos gegenüber den Kindern! Welches Herz erbebt denn nicht, wenn man alleine die offizielle Statistik hört: 13 Millionen Kinder, die von den Faschisten während des 2. Weltkriegs vernichtet wurden! In den Jahren der deutschen Okkupation wurden in der Stadt Makejewka, damals noch im Oblast Stalino, 12 Konzentrationslager zur Massenvernichtung und Versklavung der Zivilbevölkerung gebaut, nur deshalb, weil sie nicht als Arier galten und damit nicht zur Herrenrasse gehörten…

In Makejewka, wie es in den Archivdokumenten über die Verbrechen, die die deutschen faschistischen Okkupanten an den sowjetischen Bürgern der Stadt Makejewka vom 22. Oktober 1941 bis zum 5. September 1943 begangen haben, steht, „..haben auf Befehl des Stadtkommandanten Major Müller die Verräter der Heimat, die Bürgermeister … Podgajewskij W.S. und Strjuck P.K. am 5. Februar 1942 ein Kinderheim mit der Bezeichnung ‚Obhut‘ zur besser organisierten Vernichtung von Kindern in großem Maßstab eingerichtet, und bei der Stadtverwaltung eine ‚Sonderabteilung für die öffentliche Obhut‘ geschaffen. Im Kinderheim wurde ein extrem hartes Regime eingeführt, die Kinder haben mehrere Tage lang kein Brot bekommen, wurden mit allerlei Abfällen gefüttert, es gab keine medizinische Betreuung“.

Dieses Heim war in Grunde genommen ein Konzentrationslager für die Massenvernichtung von Kindern. Das Gebäude, in dem zwischen 1942 und 1943 auch ein Hospital für deutsche Soldaten war, ist bis heute erhalten geblieben und befindet sich in der Pantschenko-Str. 1A in Makejewka.

Laut dem Rassenunsinn der Nazis sollte das Blut der Slawen minderwertig und unwürdig zur Lebensrettung von deutschen Soldaten sein. Aber in der Not der letzten Kriegsjahre übertrat die Wehrmacht dieses Verbot. An der Ostfront wurden Tausende Ukrainer und Weißrussen zum Blutspenden bis zum letzten Tropfen gezwungen.

Auch die Kinder trieb man so in den Tod. „Infolge von Erschöpfung, Krankheitsepidemien und Lebensmittelvergiftung starben über 300 Kinder, deren Leichen in Massengräber in der Nähe der Siedlung Sozgorodok geworfen wurden. Die Nazis haben die Kinder als „biologischen Rohstoff“ benutzt. Der jüngste Blutspender aus dem Kinderheim „Obhut“ war gerade einmal 6 Monate alt, der älteste – 12.

Die Ärzte Budika und Pasowskij, die vordem Krieg, während der Kriegsjahre und nach dem Krieg im 1. städtischen Krankenhaus gearbeitet hatten, berichteten, dass dieses Krankenhaus in den Jahren der Okkupation zum deutschen Hospital gemacht wurde. Die Deutschen wurden hier nicht nur erstklassig behandelt und gut ernährt, sondern auch mit dem Blut der Kinder versorgt. Hierher wurden Babys aus der näheren Umgebung gebracht, denen gnadenlos das ganze Blut bis zum letzten Tropfen genommen wurde. Eine weitere Quelle für Blut war das Kinderheim „Obhut“. In das Heim kamen Kinder, deren Eltern tot oder nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert waren. Eines von ihnen war Galina Grigorjewna Samochina (geborene Iljuschtschenko), eine der wenigen Überlebenden aus dem Haus „Obhut“. Sie erzählte: „Im Kinderheim haben wir ständig die Geräusche von Schüssen gehört. Es wurden Menschen erschossen. Und die etwas älteren Kinder, die aus ihren Zimmerfenstern zum Park schauen konnten, sahen, wie die Stadtbewohner zur Hinrichtung geführt wurden. Und sie erzählten uns, den Kleinen, dass sie aus dem Boden ragende… Arme und Beine… gesehen hatten.“

Die achtjährige Galja hatte zwei Brüderchen – den fünfjährigen Wolodja und den dreijährigen Slawik. Einmal war ihre Mutter in irgendein Dorf gegangen, um Kleidung gegen Nahrungsmittel zu tauschen, und nicht mehr zurück gekommen. Wie sich herausstellte, war die Frau zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden. Sie wurde erst im Jahr 1945 befreit. Die Kinder blieben alleine. Den Kleinsten, Slawik, nahm eine wohlhabende kinderlose Familie auf. Aber Galja und Wowa brachten die Polizisten ins Kinderheim.

„Unsere Ernährung war fürchterlich: sie luden direkt im Hof eine Karre voller verfaulter Rüben oder trockener Maiskolben ab, so dass die Zähne davon knirschten, doch wir griffen gierig danach, um nicht zu verhungern“, erzählte Galina Grigorjewna. „An den Tag der Massenvergiftung kann ich mich ganz gut erinnern. Es war unerträglich heiß draußen. Sie brachten ein Fass mit dem Blut getöteter Tiere ins Heim, in dem grüne Fliegen schwammen. Diese Flüssigkeit backten sie auf und gaben uns das zum Frühstück. Bis 11 Uhr hatten alle Vergiftungssymptome. Viele, besonders die kleinen Kinder, starben. Mir wurde es schwarz vor Augen, ich ging aus dem Haus und legte mich auf die Bank, die vor dem Eingang stand. Die Kinderfrau packte mich an den Haaren und schleppte mich irgendwohin. ‚Schnell, zur Spülung!‘, schrie sie. Bei allen überlebenden Kindern wurde eine Magenspülung gemacht.
Sie beeilten sich nicht, die Gefangenen des Kinderheims zu töten: die benötigten sie als Blutspender für die verwundeten deutschen Soldaten.

„Die Kinderfrau kam zu mir mit den Worten: ‚Du musst eine Blutprobe abgeben‘ und brachte mich in einen Raum, wo sie mir Blut abnahmen“, erinnerte sich Galina Grigorjewna. „Aber einmal versuchte ich zu fliehen, weil mir nach diesen Blutproben immer einige Tage lang schlecht und schwindlig war.“

Die Flucht gelang Galja nicht. Die Kinderfrau packte sie an die Hand und schleifte sie in den Raum, in dem das Arztzimmer war. Während die Aufseherin sie den Gang entlang schleppte, sah das Mädchen, wie sie aus diesem Zimmer den leblosen Körper eines Jungen heraustrugen.

Im Zimmer stand ein deutscher Offizier neben der Liege und an einem Tisch voller Gläschen saß ein Arzt. Galja legten sie auf die Liege, mit dem Gesicht zur Wand. Galja spürte den Schmerz eines Einstichs an ihrem Arm, drehte sich um und sah, dass von ihrem Arm „eine Leitung wegging“.. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gelegen hatte. Sie weiß nur noch, dass der Doktor anfing, sie vorsichtig an den Schultern hochzuziehen und ihr dann ihr eine dunkle Tablette zum Schlucken gab. Dann kam sie erst wieder in ihrem Bett zu sich. Einige Tage lang konnte das Mädchen nicht aufstehen. „Ich verlor das Gleichgewicht und fiel hin“.

„Ich weiß nicht, wie viel Blut sie aus einem abgemagerten Kind herauspumpen konnten, aber viele Kinder starben“, erzählte meine Gesprächspartnerin. „Einmal schaute ich in unseren Vorratsraum, der sich im Gang befand, und begriff, dass man dort gar kein Essen aufbewahrte…“

Im Schlafraum, wo Galja zwei Jahre verbrachte, gab es eine Glastür. Durch das Glas konnte man den Gang sehen, an dessen Ende sich dieser Vorratsraum befand. Einmal beobachtete Galja, wie die Aufseherin die Tür zu dem Vorratsraum für einen unbekannten Mann öffnete, und er holte etwas heraus, in Stoff eingewickelt. Galja hatte auch schon früher gesehen, wie dieser Mann hin und wieder etwas aus dem Vorratsraum holte, auf eine Karre im Hof legte, mit schwarzem Stoff bedeckte und wegfuhr. Als sie sah, dass die Tür des Vorratsraums offen geblieben war, rannte Galja dorthin in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden.

„Als ich hineinschaute, sah ich, dass dort Kinderleichen bis zu meiner Augenhöhe aufgestapelt waren“, erinnerte sich die Frau. „Ohne klar denken zu können vor lauter Angst, rannte ich in den 2. Stock, in den Schlafsaal der Jungen. Dort lebte mein jüngerer Bruder, und ich wollte wissen, ob er noch lebt. Als ich den Bruder sah, beruhigte ich mich ein wenig.“

Den 6. September 1943 – den Tag, an dem sowjetische Kampfeinheiten Makejewka eroberten – haben die Einwohner von Makejewka, die Gefangenen und auch Galina Grigorjewna Samochina als einen der glücklichsten Tage ihres Lebens in Erinnerung behalten. Auf dem Dachboden des Kinderheims „Obhut“ richteten die Soldaten der Roten Armee ihren Beobachtungspunkt ein.

„Die Soldaten gaben uns getrocknetes Brot und Zuckerstückchen, baten uns nach unten zu gehen und uns vor dem Beschuss zu verstecken“, berichtete meine Gesprächspartnerin lächelnd. „Eine Granate traf das Gebäude des Heimes, es fiel die Verglasung aus den Fenstern raus, aber niemand wurde getötet.“

Am nächsten Tag kamen neue, fürsorgliche Erzieher und Ärzte ins Kinderheim.

Anfang 1944 wurden alle ehemaligen Gefangenen des Kinderheimes “Obhut“ im Internat in der Siedlung Tschistjakowo (der heutigen Stadt Tores) untergebracht, das aus Spenden der Arbeiterinnen der Bergwerke in Kasachstan gebaut worden war. Das war ein echtes Paradies für die Kinder. Das Waisenhaus wurde mit Lebensmitteln und Kleidung direkt aus Kasachstan beliefert, wo es keine Kriegshandlungen gab.

„Erst Jahre später habe ich erfahren, dass der Donbass nach dem Krieg in den Jahren 1945-1947 hungerte, dass Brot auf Lebensmittelkarten ausgegeben wurde“, sagt Galina Grigorjewna Samochina. „Denn bei uns gab es weißes Brot auf dem Tisch, Rosinen und sogar Schokolade. Im Winter stolzierten wir in Mützen und Stiefeln aus Persianerfell herum.“

Im Jahr 2001 beschloss Galina Grigorjewna, Zeugnisse ihres Aufenthalts im Konzentrationslager zu finden. Im Gebäude des ehemaligen Kinderheimes „Obhut“ war zu dem Zeitpunkt ein Kinderinternat untergebracht. Der Sekretär des Internats holte drei Hefte aus dem Safe mit Listen der Kinder, die sich damals im Kinderheim befunden hatten. Eine große Recherchearbeit leistete auch die Direktorin des Kunst- und Heimatmuseums von Makejewka Alla Alexejewna Perepeliza. Galina Grigorjewna Samochina fand dort auch ihren Namen und den Namen ihres Bruders. Dank dieser Listen sind auf dem Denkmal für die Kriegskinder, die Opfer des Faschismus waren, 120 Namen verzeichnet.

„Die Namen der getöteten Kinder zu ermitteln ist uns nur zum Teil gelungen – in den Heften gibt es offensichtlich keine vollständigen Listen“ erzählt die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – Larissa Simonowa.

2005 wurden auf Initiative von Larissa Stepanowna Simonowa und unter der aktiven Teilnahme der Einwohner von Makejewka an dem Ort der Massengräber der mehr als 300 Kinder aus dem Kinderheim „Obhut“ drei Gedenkstelen aufgestellt, auf denen die Namen der getöteten unschuldigen Kinder verzeichnet stehen. Die erste Gedenkstele wurde zum Tag der Befreiung der Stadt von den Faschisten am 7. September 2005 aufgestellt und die beiden anderen mit den Namen und Vornamen der Blutspende-Kinder im Jahr 2006. Das Denkmal wirkt nach außen hin schlicht, aber es ist großartig in seiner Bedeutung. Es ist das bisher einzige Denkmal weltweit, das den Blutspende-Kindern gewidmet ist.

Heute stehen diese Fakten nicht in den Schulbüchern, es wird den Schülern, die die militärische Geschichte ihrer Heimat kennenlernen, über die Blutspende-Kinder nichts berichtet, und in Makejewka selbst ist heute nur ein einziger Augenzeuge dieser Ereignisse übriggeblieben – Wladimir Woloschin, der wie durch ein Wunder überlebt hatte und den Nachkommen die Einzelheiten des Geschehenen in diesen schrecklichen Jahren erzählen konnte. Er war Augenzeuge der Beerdigung der Kinderleichen in der Siedlung Sozgorodok, wo jetzt das Denkmal für diese Kinder steht. Man kann nicht teilnahmslos die Geschichte der Kinder hören, die in den Konzentrationslagern gemartert wurden und zu Opfern des großen Krieges geworden sind.

Im Jahr 2016 hat eine Initiativgruppe, die aus der Vorsitzenden der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – der Stadt Makejewka und Ehrenbürgerin der Stadt Larissa Simonowa, dem Vorsitzenden des Clubs „Gajdarowez“ und Studenten der Fakultät für Geschichte der Uni Donezk Anton Sajenko und der stellvertretenden Dekanin für Erziehungsarbeit an der Geschichtsfakultät der Donezker Universität Elena Schkribitko besteht, die Recherchearbeit für die Wahrung des Andenkens an die kindlichen Zwangsblutspender aus dem Heim „Obhut“ der Stadt Makejewka fortgesetzt.

Die Spur ihrer nicht gelebten Leben verliert sich in der Geschichte – von vielen ist nicht einmal ein Foto geblieben… Sie sind in der Dunkelheit des Daseins verschwunden… Spurlos…

Das Wichtigste heute ist – dieses Gedenken zu wahren, die Orte zu pflegen, wo die Blutspende-Kinder begraben sind, damit wir nicht gezwungen sein werden, die Geschichte zu wiederholen. Von Anfang an…