Artikel unseres Autors Arnold Schölzel

Artikel:

Eine befreiende Tat

Rosa Luxemburgs epochaler Aufsatz im ersten Heft der „Internationale“

1965 erschien im Parteiverlag der SED, dem Dietz-Verlag, eine originalgetreue Reproduktion der Zeitschrift „Die Internationale. Eine Monatsschrift für Praxis und Theorie des Marxismus“. Sie war 50 Jahre zuvor im April 1915 erschienen. Herausgeber waren Rosa Luxemburg (1871-1919), die zu diesem Zeitpunkt in Haft saß, und Franz Mehring (1846-1919), zu den Mitarbeitern gehörten neben anderen Clara Zetkin (1857-1933), Julian Marchlewski (1866-1925) und Käte Duncker (1871-1953). Karl Liebknecht (1871-1919) war am 7. Februar 1915 zum Landsturm einberufen worden und durfte sich nicht öffentlich äußern.

Den Wirrwarr unter den Massen beseitigen

Der Historiker Heinz Wohlgemuth schrieb in einer dem Reprint beigelegten Einführung zu den Zielen der Her-ausgeber: „Umgeben von einer Welle chauvinistischer Verhetzung durch die deutsche Kriegspartei und angesichts der durch die Politik der rechten sozialdemokratischen und Gewerkschafts-führer hervorgerufenen Spaltung der Arbeiterklasse kam es für sie darauf an, Schritt für Schritt den großen ideologischen Wirrwarr unter den Massen zu beseitigen.“

Wohlgemuth skizziert kurz, was dem Erscheinen der „Internationale“ vorausging: Nach der Entscheidung der SPD-Reichstagsfraktion am 4. August 1914, für die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus zu stimmen, hatten die Kriegsgegner in der Partei nach und nach alle Publikationsmöglichkeiten in der Parteipresse verloren. Am 2. Dezember 1914 stimmte Karl Liebknecht im Reichstag mit Nein gegen die Kriegskredite und erhielt große Resonanz in der Parteiöffentlichkeit und darüber hinaus. Die Idee insbesondere Rosa Luxemburgs war es, die internationalistischen Kräfte mit Hilfe der Zeitschrift zusammenzuschließen. Sie selbst übernahm bis zu ihrem Haftantritt am 18. Februar 1915 viele Anstrengungen, um das Vorhaben zu verwirklichen. Wohlgemuth zitiert zum Beispiel aus einem Brief Rosa Luxemburgs vom 11. Februar 1915 an Genossen Alexander Winckler (um 1840-1917) in Arnstadt, in dem sie sich für dessen „tatkräftige Unterstützung“ bedankt. Der Lack- und Farbenfabrikant, Mitbegründer der „Eisenacher“ 1869 und Stadtrat in Arnstadt seit 1884, förderte die Zeitschrift nämlich finanziell. Allerdings fand sich zunächst kein Genosse, der verantwortlich zeichnen sollte.

Noch am gleichen Abend ausverkauft

Nach der Inhaftierung Rosa Luxemburgs und in Abwesenheit Karl Liebknechts ruhte so zunächst die Last der Vorbereitung auf Franz Mehring. Eine Lösung wurde erst auf einer Reichskonferenz der oppositionellen Internationalisten gefunden, die am 5. März 1915 in der Berliner Wohnung von Wilhelm Pieck (1876-1960) stattfand. Der Redakteur der Düsseldorfer „Volkszeitung“ Peter Berten (1873-1960) konnte dafür gewonnen werden, als Verantwortlicher gegenüber den Behörden aufzutreten, die organisatorische Vorbereitung wurde in die Hände von Wilhelm Pieck gelegt. Er schaffte es nach letzten Absprachen mit der Düsseldorfer Druckerei der „Volks-zeitung“, innerhalb von zehn Tagen Drucklegung und Vertrieb zu gewährleisten. Die Zeitschrift wurde vor allem über ein am 5. März beschlossenes System von Vertrauensleuten verbreitet, allein 5000 der 9000 gedruckten Exemplare gingen dabei nach Berlin. Dort wurden sie am Mittwoch, dem 14. April 1915, an einem „Zahlabend“ der SPD, angeboten und waren noch am gleichen Abend ausverkauft.

SPD-Parteivorstand sieht rot

Der SPD-Parteivorstand, das heißt die Kriegsunterstützer, reagierte wütend auf die „Internationale“. Schon am 17. April 1915 erschien ein Artikel des sozialdemokratischen Journalisten Friedrich Stampfer (1874-1957) in der Dortmunder „Arbeiter-Zeitung“. Bereits mit der Überschrift „Einigende Kraft?“ wurde die Debatte auf ein Gleis geschoben, auf dem sie die Kriegsbefürworter am liebsten haben wollten: Nicht über Krieg, Nationalismus oder Internationalismus sollte diskutiert werden, sondern über Einheit oder Spaltung der Partei. Bei Stampfer hieß es: „Für jeden, dem die Einigkeit der deutschen Arbeiterbewegung ein heiliges Gut ist, das über den Weltkrieg hinaus erhalten bleiben muß, mag er sonst welcher Meinung immer sein, mag er auch manches, was geschehen ist, für verfehlt halten, gibt es gegenüber diesen gemeingefährlichen Treibereien nur eine Parole: Abrücken!“ Dem Rufmord folgte am 23. April ein Rundschreiben des SPD-Vorstandes gegen die Herausgeber der „Internationale“, das im Grunde eine Aufforderung an die Militärbehörden war einzuschreiten. Die reagierten und stellten weitere Ausgaben unter Vorzensur, worauf hin Peter Berten und Franz Mehring erklärten, das nächste Heft werde erst nach Aufhebung des Belagerungszustandes erscheinen. Erst die neugegründete KPD konnte „Die Internationale“ 1919 dann herausbringen.

Wilhelm Pieck schrieb in seinen Erinnerungen über die enorme Wirkung der Zeitschrift: „Hier war der Katze die Schelle umgehängt: der Burgfriede als eine elende Heuchelei entschleiert, der geistige und politische Bankrott der deutschen Sozialdemokratie gekennzeichnet.“ Und weiter: „Es war eine befreiende Tat der Opposition.“

In der internationalen Arbeiterbewegung breitete sich die Kenntnis der Zeitschrift ebenfalls rasch aus. Von ihr wurden Matrizen hergestellt und an den führenden Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm (1881-1958) nach Bern übersandt. Dort wurde eine Auflage für die Schweiz und andere Länder hergestellt. Dadurch kam wahrscheinlich Lenin in den Besitz der Zeitschrift, der sie in seiner im Mai/Juni 1915 verfassten Arbeit „Der Zusammenbruch der II. Internationale“ mehrfach anführte. Das hatte vor allem mit dem programmatischen, Anfang Februar 1915 verfassten Einleitungsartikel von Rosa Luxemburg zu tun, einem historischen Dokument, dessen Bedeutung bis heute reicht. Unter dem Titel „Der Wiederaufbau der Internationale“ wirft sie darin eine epochale Problematik auf. Das gilt für die Feststellung im ersten Satz: „Am 4. August 1914 hat die deutsche Sozialdemokratie politisch abgedankt und gleichzeitig ist die sozialistische Internationale zusammengebrochen.“ Es gilt für Formulierungen wie: „Sozialismus oder Imperialismus – diese Alternative fasste erschöpfend die politische Orientierung der Arbeiterparteien im letzten Jahrzehnt zusammen.“ Aus einer geschichtlichen Tendenz sei diese Alternative mit dem Weltkrieg „zur politischen Situation geworden“. Nach 50jährigem Wachstum habe die SPD sich innerhalb von Stunden auf die Seite des Imperialismus gestellt und „als politischer Faktor in blauen Dunst aufgelöst“.

Auch Linke will wenigstens ein bißchen Krieg führen

Nichts an Aktualität eingebüßt hat auch ihre Auseinandersetzung mit Karl Kautsky (1854-1938), der herausgefunden hatte, die Sozialdemokratie sei zwar ein Instrument des Friedens, aber keins gegen den Krieg. Seine Argumentation erinnert an die wiederkehrenden Vorstöße der vergangenen gut 20 Jahre in PDS und Linkspartei, wenigstens ein wenig Zustimmung zur Bundeswehrein-sätzen in der Partei zu erreichen. Es heißt etwa, Die Linke solle zum Beispiel UN-Truppen zustimmen, wenn ein Krieg einmal begonnen hat und er so zurückgedrängt werden könne. Die Forderung nach tatsächlicher Beseitigung der Kriegsursachen und Bekämpfung der Kriegsverursacher wird dabei letztlich ersetzt durch die nach politischer Reparaturarbeit. 2016 und 2017 zeigte insbesondere die von imperialistischen Medien und der herrschenden Politik übernommene Debatte in der Linken über den Umgang mit Flüchtlingen einmal mehr, daß die Hauptursachen für Flucht und Vertreibung, aktuell die Kriege in Afghanistan Irak, Syrien und Libyen, relativ wenig thematisiert werden. Der imperialistische Krieg gegen Syrien, in dem sich der Westen wie gehabt dschihadistischer Fußtruppen bediente, wurde von der Parteivorsitzenden Katja Kipping und anderen sogar als „Revolution“ identifiziert. Das reicht schon nahe an den 4. August 1914 heran.

Letztlich, so analysierte Rosa Luxemburg damals, stecken hinter der Neigung zu ein bißchen Teilnahme an imperialistischen Kriegen oder zum Schweigen über sie der Verzicht auf Klassenanalyse und Klassenkampf im Krieg sowie der Wille, praktisch etwas zu tun. Sie schrieb 1915: „Nicht an Forderungen und Formeln, sondern an der Fähigkeit, hinter diesen Forderungen den Willen und die Tat im Geiste des Klassenkampfes und der Internationalität zu setzen, hat es bei den sozialistischen Parteien der ausschlaggebenden Länder, vor allem bei der deutschen, gefehlt.“ Nicht die Ausklügelung bester Rezepte gegen den Krieg sei entscheidend, sondern „die Umkehr auf der Bahn des Sozialimperialismus“. Dem ist auch nach mehr als 100 Jahren nichts hinzuzufügen.