Eine befreiende Tat

Rosa Luxemburgs epochaler Aufsatz im ersten Heft der „Internationale“

1965 erschien im Parteiverlag der SED, dem Dietz-Verlag, eine originalgetreue Reproduktion der Zeitschrift „Die Internationale. Eine Monatsschrift für Praxis und Theorie des Marxismus“. Sie war 50 Jahre zuvor im April 1915 erschienen. Herausgeber waren Rosa Luxemburg (1871-1919), die zu diesem Zeitpunkt in Haft saß, und Franz Mehring (1846-1919), zu den Mitarbeitern gehörten neben anderen Clara Zetkin (1857-1933), Julian Marchlewski (1866-1925) und Käte Duncker (1871-1953). Karl Liebknecht (1871-1919) war am 7. Februar 1915 zum Landsturm einberufen worden und durfte sich nicht öffentlich äußern.

Den Wirrwarr unter den Massen beseitigen

Der Historiker Heinz Wohlgemuth schrieb in einer dem Reprint beigelegten Einführung zu den Zielen der Her-ausgeber: „Umgeben von einer Welle chauvinistischer Verhetzung durch die deutsche Kriegspartei und angesichts der durch die Politik der rechten sozialdemokratischen und Gewerkschafts-führer hervorgerufenen Spaltung der Arbeiterklasse kam es für sie darauf an, Schritt für Schritt den großen ideologischen Wirrwarr unter den Massen zu beseitigen.“

Wohlgemuth skizziert kurz, was dem Erscheinen der „Internationale“ vorausging: Nach der Entscheidung der SPD-Reichstagsfraktion am 4. August 1914, für die Kriegspolitik des deutschen Imperialismus zu stimmen, hatten die Kriegsgegner in der Partei nach und nach alle Publikationsmöglichkeiten in der Parteipresse verloren. Am 2. Dezember 1914 stimmte Karl Liebknecht im Reichstag mit Nein gegen die Kriegskredite und erhielt große Resonanz in der Parteiöffentlichkeit und darüber hinaus. Die Idee insbesondere Rosa Luxemburgs war es, die internationalistischen Kräfte mit Hilfe der Zeitschrift zusammenzuschließen. Sie selbst übernahm bis zu ihrem Haftantritt am 18. Februar 1915 viele Anstrengungen, um das Vorhaben zu verwirklichen. Wohlgemuth zitiert zum Beispiel aus einem Brief Rosa Luxemburgs vom 11. Februar 1915 an Genossen Alexander Winckler (um 1840-1917) in Arnstadt, in dem sie sich für dessen „tatkräftige Unterstützung“ bedankt. Der Lack- und Farbenfabrikant, Mitbegründer der „Eisenacher“ 1869 und Stadtrat in Arnstadt seit 1884, förderte die Zeitschrift nämlich finanziell. Allerdings fand sich zunächst kein Genosse, der verantwortlich zeichnen sollte.

Noch am gleichen Abend ausverkauft

Nach der Inhaftierung Rosa Luxemburgs und in Abwesenheit Karl Liebknechts ruhte so zunächst die Last der Vorbereitung auf Franz Mehring. Eine Lösung wurde erst auf einer Reichskonferenz der oppositionellen Internationalisten gefunden, die am 5. März 1915 in der Berliner Wohnung von Wilhelm Pieck (1876-1960) stattfand. Der Redakteur der Düsseldorfer „Volkszeitung“ Peter Berten (1873-1960) konnte dafür gewonnen werden, als Verantwortlicher gegenüber den Behörden aufzutreten, die organisatorische Vorbereitung wurde in die Hände von Wilhelm Pieck gelegt. Er schaffte es nach letzten Absprachen mit der Düsseldorfer Druckerei der „Volks-zeitung“, innerhalb von zehn Tagen Drucklegung und Vertrieb zu gewährleisten. Die Zeitschrift wurde vor allem über ein am 5. März beschlossenes System von Vertrauensleuten verbreitet, allein 5000 der 9000 gedruckten Exemplare gingen dabei nach Berlin. Dort wurden sie am Mittwoch, dem 14. April 1915, an einem „Zahlabend“ der SPD, angeboten und waren noch am gleichen Abend ausverkauft.

SPD-Parteivorstand sieht rot

Der SPD-Parteivorstand, das heißt die Kriegsunterstützer, reagierte wütend auf die „Internationale“. Schon am 17. April 1915 erschien ein Artikel des sozialdemokratischen Journalisten Friedrich Stampfer (1874-1957) in der Dortmunder „Arbeiter-Zeitung“. Bereits mit der Überschrift „Einigende Kraft?“ wurde die Debatte auf ein Gleis geschoben, auf dem sie die Kriegsbefürworter am liebsten haben wollten: Nicht über Krieg, Nationalismus oder Internationalismus sollte diskutiert werden, sondern über Einheit oder Spaltung der Partei. Bei Stampfer hieß es: „Für jeden, dem die Einigkeit der deutschen Arbeiterbewegung ein heiliges Gut ist, das über den Weltkrieg hinaus erhalten bleiben muß, mag er sonst welcher Meinung immer sein, mag er auch manches, was geschehen ist, für verfehlt halten, gibt es gegenüber diesen gemeingefährlichen Treibereien nur eine Parole: Abrücken!“ Dem Rufmord folgte am 23. April ein Rundschreiben des SPD-Vorstandes gegen die Herausgeber der „Internationale“, das im Grunde eine Aufforderung an die Militärbehörden war einzuschreiten. Die reagierten und stellten weitere Ausgaben unter Vorzensur, worauf hin Peter Berten und Franz Mehring erklärten, das nächste Heft werde erst nach Aufhebung des Belagerungszustandes erscheinen. Erst die neugegründete KPD konnte „Die Internationale“ 1919 dann herausbringen.

Wilhelm Pieck schrieb in seinen Erinnerungen über die enorme Wirkung der Zeitschrift: „Hier war der Katze die Schelle umgehängt: der Burgfriede als eine elende Heuchelei entschleiert, der geistige und politische Bankrott der deutschen Sozialdemokratie gekennzeichnet.“ Und weiter: „Es war eine befreiende Tat der Opposition.“

In der internationalen Arbeiterbewegung breitete sich die Kenntnis der Zeitschrift ebenfalls rasch aus. Von ihr wurden Matrizen hergestellt und an den führenden Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm (1881-1958) nach Bern übersandt. Dort wurde eine Auflage für die Schweiz und andere Länder hergestellt. Dadurch kam wahrscheinlich Lenin in den Besitz der Zeitschrift, der sie in seiner im Mai/Juni 1915 verfassten Arbeit „Der Zusammenbruch der II. Internationale“ mehrfach anführte. Das hatte vor allem mit dem programmatischen, Anfang Februar 1915 verfassten Einleitungsartikel von Rosa Luxemburg zu tun, einem historischen Dokument, dessen Bedeutung bis heute reicht. Unter dem Titel „Der Wiederaufbau der Internationale“ wirft sie darin eine epochale Problematik auf. Das gilt für die Feststellung im ersten Satz: „Am 4. August 1914 hat die deutsche Sozialdemokratie politisch abgedankt und gleichzeitig ist die sozialistische Internationale zusammengebrochen.“ Es gilt für Formulierungen wie: „Sozialismus oder Imperialismus – diese Alternative fasste erschöpfend die politische Orientierung der Arbeiterparteien im letzten Jahrzehnt zusammen.“ Aus einer geschichtlichen Tendenz sei diese Alternative mit dem Weltkrieg „zur politischen Situation geworden“. Nach 50jährigem Wachstum habe die SPD sich innerhalb von Stunden auf die Seite des Imperialismus gestellt und „als politischer Faktor in blauen Dunst aufgelöst“.

Auch Linke will wenigstens ein bißchen Krieg führen

Nichts an Aktualität eingebüßt hat auch ihre Auseinandersetzung mit Karl Kautsky (1854-1938), der herausgefunden hatte, die Sozialdemokratie sei zwar ein Instrument des Friedens, aber keins gegen den Krieg. Seine Argumentation erinnert an die wiederkehrenden Vorstöße der vergangenen gut 20 Jahre in PDS und Linkspartei, wenigstens ein wenig Zustimmung zur Bundeswehrein-sätzen in der Partei zu erreichen. Es heißt etwa, Die Linke solle zum Beispiel UN-Truppen zustimmen, wenn ein Krieg einmal begonnen hat und er so zurückgedrängt werden könne. Die Forderung nach tatsächlicher Beseitigung der Kriegsursachen und Bekämpfung der Kriegsverursacher wird dabei letztlich ersetzt durch die nach politischer Reparaturarbeit. 2016 und 2017 zeigte insbesondere die von imperialistischen Medien und der herrschenden Politik übernommene Debatte in der Linken über den Umgang mit Flüchtlingen einmal mehr, daß die Hauptursachen für Flucht und Vertreibung, aktuell die Kriege in Afghanistan Irak, Syrien und Libyen, relativ wenig thematisiert werden. Der imperialistische Krieg gegen Syrien, in dem sich der Westen wie gehabt dschihadistischer Fußtruppen bediente, wurde von der Parteivorsitzenden Katja Kipping und anderen sogar als „Revolution“ identifiziert. Das reicht schon nahe an den 4. August 1914 heran.

Letztlich, so analysierte Rosa Luxemburg damals, stecken hinter der Neigung zu ein bißchen Teilnahme an imperialistischen Kriegen oder zum Schweigen über sie der Verzicht auf Klassenanalyse und Klassenkampf im Krieg sowie der Wille, praktisch etwas zu tun. Sie schrieb 1915: „Nicht an Forderungen und Formeln, sondern an der Fähigkeit, hinter diesen Forderungen den Willen und die Tat im Geiste des Klassenkampfes und der Internationalität zu setzen, hat es bei den sozialistischen Parteien der ausschlaggebenden Länder, vor allem bei der deutschen, gefehlt.“ Nicht die Ausklügelung bester Rezepte gegen den Krieg sei entscheidend, sondern „die Umkehr auf der Bahn des Sozialimperialismus“. Dem ist auch nach mehr als 100 Jahren nichts hinzuzufügen.

Der Vorabend des Roten Oktober

Teil II: Die Entstehung der Sowjets und die Rückkehr Leninsbend des Roten Oktober

Im Manifest des ZK vom 27. Februar war von den Sowjets noch nicht direkt die Rede. Es wurde aufgerufen, dass „die Arbeiter der Werke und Fabriken sowie die aufständischen Truppen unverzüglich ihre Vertreter in die Provisorische revolutionäre Regierung wählen müssen, die unter dem Schutz des aufständischen revolutionären Volkes und der revolutionären Armee zu bilden ist“. Zu gleicher Zeit haben die Petrograder Bolschewiki in einem Flugblatt die Bildung von Sowjets (Räte) der Arbeiterdeputierten gefordert. Sie stellten die Aufgabe: „Schreitet in den Werken sofort zu den Wahlen für die Betriebs-Streikkomitees“. „Ihre Vertreter werden den Sowjet der Arbeiterdeputierten bilden, der die organisierende Rolle in der Bewegung übernehmen und die Provisorische revolutionäre Regierung schaffen wird.“ (Die revolutionäre Bewegung in Rußland nach dem Sturz der Selbstherrschaft, Moskau 1957, S. 4, russ.)  Andere Bezirkskomitees handelten gleich.

Die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten sind direkt im und aus dem Verlauf des revolutionären Kampfes der Massen entstanden! Lenin schrieb, dass „…die Massen im Februar 1917 die Sowjets geschaffen hatten, sogar noch bevor irgendeine Partei diese Losung ausgegeben hatte. Die große Schöpferkraft des Volkes, das die bitteren Erfahrungen von 1905 durchgemacht hatte, durch sie gewitzigt wurde – das war es, was diese Form der proletarischen Staatsmacht schuf.“ (Lenin, Werke, Bd. 27, S. 76)

Die Führer der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre riefen dagegen die Arbeiter zur „Vernunft“ auf. Gleichzeitig war nach Beseitigung der alten Macht der Mut der kleinbürgerlichen Führer gestiegen, und sie begaben sich auch in den Taurischen Palast, um die Führung in den revolutionären Machtorganen zu übernehmen. Sie hatten den Vorteil, dass sie während des ganzen Krieges legal, in aller Öffentlichkeit politisch tätig sein konnten und über einen so wichtigen Stützpunkt verfügten, wie es die Dumafraktion war. Der Sieg der Arbeiterschaft lag auf der Hand, die aufständischen Arbeiter wählten Abgeordnete in den Sowjet, aber die menschewistischen Führer hatten es eilig, ein Provisorisches Exekutivkomitee des Sowjets der Arbeiterdeputierten zu bilden und nutzten den Stützpunkt der Dumafraktion. Dieses Exekutivkomitee verabschiedete einen Aufruf an das Volk, in dem es sich als „Vertretung der Arbeiter und Soldaten“ bezeichnete und die „Truppen und Werke“ aufforderte, Deputierte in den Taurischen Palast zu entsenden. So missbrauchten sie die Ergebnisse des revolutionären Kampfes, um die Vollendung der Revolution zu verhindern.

Verschiedene Faktoren ermöglichten es ihnen, so vorzugehen. Dazu gehört auch, dass das Russische Büro des ZK der Bolschewiki, das seine ganze Aufmerksamkeit auf den bewaffneten Aufstand richtete, die Frage der politischen Macht unterschätzte. Ein Führer der Bolschewiki in Rußland schrieb dazu: „Alle unsere Gedanken galten dem grandiosen Kampf, der sich auf der Straße entfaltete. … Die Fragen der Praxis des Kampfes drängten alle Aufgaben in den Hintergrund, die die Gestaltung der Bewegung, die Schaffung eines ‚von allen anerkannten‘ Zentrums zur Anleitung des Kampfes und für den Fall des Sieges betrafen.“ (A. Schljapnikow: Das Jahr 1917, Buch 1, S. 97, russ.)  Die Menschewiki konnten ihre Doktrin praktizieren, wonach dort, wo die Revolution eine bürgerliche ist, die Macht an die Bourgeoisie übergehen müsse.

Doppelherrschaft

Das Besondere der politischen Situation bestand darin, dass sich im Lande eine Doppelherrschaft herausgebildet hatte. An die Macht waren verschiedene Klassen gekommen, deren Interessen einerseits durch den Petrograder Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten und andererseits durch die Provisorische Regierung vertreten und verfolgt wurden. Bekanntlich wurden von Lenin und in Beschlüssen der Partei aus dem Jahre 1905 die Thesen über die revolutionär-demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft  und deren Organ, die Provisorische revolutionäre Regierung, entwickelt. „Ihrer Entstehung und ihrem grundlegenden Charakter nach muß diese Regierung das Organ des Volksaufstandes sein. Ihrer formellen Bestimmung nach muß sie das Werkzeug zur Einberufung einer vom ganzen Volke gewählten konstituierenden Versammlung sein. Dem Inhalt ihrer Tätigkeit nach muß sie das Minimalprogramm der proletarischen Demokratie  verwirklichen, das allein geeignet ist, die Interessen des Volkes, die sich gegen Selbstherrschaft erhoben hat, zu sichern.“ (Lenin, Werke, Bd. 9, S. 14)

Jetzt galt es, die Standpunkte entsprechend den neuen Bedingungen zu präzisieren. Lenin griff in diese Diskussion schon aus dem Exil ein. Durch seine Rückkehr nach Russland haben sich die Bedingungen verbessert. In seinen Aprilthesen und in Arbeiten, die diese Thesen ergänzten, erläuterten und weiterführten (Lenin, Werke, Bd. 24), beantwortete er die durch die Revolution aufgeworfenen Fragen. Dazu gehört die Frage nach dem Übergang von der demokratischen zur sozialistischen Etappe der Revolution, nach der Stellung des Proletariats und seiner Partei zum Krieg und zur bürgerlichen Provisorischen Regierung, nach der Sowjetrepublik, den Wegen zur Eroberung der der Mehrheit in den Sowjets , den Aufgaben der Partei sowie der Schaffung der III., der  Kommunistischen Internationale. Er stellte fest: „Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland besteht im Übergang von der ersten Etappe  der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewußtseins und der ungenügenden Organisiertheit  des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muß“. (Ebenda, S.4)

Lenin stellte die Losung auf: „Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung“. In der gegebenen Situation war das kein Aufruf zum sofortigen Sturz der Regierung. Das wichtigste war, dass die Provisorische Regierung bei dem entstandenen Verhältnis der Klassenkräfte  keine Gewalt anwenden konnte.

Die entscheidende Voraussetzung für die Verwirklichung des Kurses der sozialistischen Revolution war die Gewinnung der Massen für die Sache der Arbeiterklasse. „Um zur Staatsmacht zu werden, müssen die klassenbewußten Arbeiter  die Mehrheit für sich gewinnen: solange den Massen gegenüber keine Gewalt angewendet wird, gibt es keinen anderen Weg zur Macht. Wir sind keine Blanquisten, keine Anhänger der Machtergreifung durch eine Minderheit. Wir sind Marxisten, Anhänger des proletarischen Klassenkampfes gegen den kleinbürgerlichen Taumel, gegen Chauvinismus und die Vaterlandsverteidigung, gegen die Phrase, gegen die Abhängigkeit von der Bourgeoisie.“ (W.I. Lenin, Werke, Bd. 24, S.22)

Der Krieg war eine der brennendsten Fragen. Lenin rief die Partei auch diesmal auf, den Werktätigen, die der „revolutionären Vaterlandsverteidigung“ verfallen waren, beharrlich zu erklären, dass die russische Bourgeoisie auch nach dem Sturz des Zarismus einen ungerechten, räuberischen, imperialistischen Krieg führte  und dass dieser Krieg nur beendet werden konnte,  wenn die Machtfrage zugunsten des Proletariats gelöst wurde.

Ein für Lenin zentraler Punkt, war die Begründung der Notwendigkeit der Gründung der III. Internationale. Darin sah er eine wichtige Aufgabe der bolschewistischen Partei, da diese auf Grund der objektiven Bedingungen der gesellschaftlichen Entwicklung zur Vorhut  der revolutionären Bewegung wurde.

Die Aprilthesen nahmen im geistigen und politischen Leben der Partei einen zentralen Platz in der notwendig gewordenen Einstellung der Partei auf die kommenden Kämpfe ein. Die Rückkehr Lenins in seine Heimat im April 1917 war ein entscheidender Eckpunkt in der Ausrichtung der Partei auf  die erfolgreiche Durchführung des Roten Oktober, der nicht nur Russland, sondern die Welt veränderte und uns bleibende Lehren überließ.

Mit dem Berlinpass durch die Frontstadt

Die Spaltung der deutschen Arbeiterklasse in "Ost" und "West" treibt bizarre Blüten

Öfter, wenn ich in den letzten Wochen mit Mitgliedern der Linkspartei diskutierte, zuletzt dank einer Einladung bei den „Sozialismustagen“ der trotzkistischen SAV, erhielt ich den Eindruck, dass die innerparteiliche Hauptgegnerin, auf die sich sowohl linke als auch rechte Kritiker in der Linkspartei einschießen, Sahra Wagenknecht heißt. Und das just angesichts einer drohenden Koalition mit Sozialdemokraten und Grünen. Wenn opportunistische Gefahren und Strömungen in sozialistisch geprägten Parteien drohen, ist es immer aufschlußreich zu sehen, anhand welcher Fragen „Linke“ und „Rechte“ zusammengehen. Solche Übereinstimmungen sagen häufig auch etwas über das Hegemoniestreben der herrschenden Klasse im ideologischen Krieg. Ich muß zugeben: Diese Einmütigkeit beschäftigte mich fast mehr als die Äußerungen von Frau Wagenknecht selber. Gewiß wäre wünschenswert, ihre Positionen detaillierter Prüfung und Kritik zu unterziehen. Darum geht es in dieser Glosse jedoch nicht. Daß sich viele in der Linkspartei an dieser Personalie so festbeißen, verwundert angesichts eines drohenden Versinkens in einer Koalition mit zwei Parteien, deren proimperialistisches Spitzenpersonal keinen Hehl aus seiner tätigen Unterstützung z.B. der ukrainischen Faschisten und deutscher Kriegseinsätze macht. Der größte Vorwurf gegen Wagenknecht scheint zu sein, daß sie sich gegen eine uneingeschränkte Anwendung der Formel „Refugees welcome – Grenzen auf für alle“ ausgesprochen habe. Das Wort „Obergrenzen“ soll gefallen sein. Verwunderlich ist die Abstraktheit, mit der die Diskussion sich begnügt. Wer der „Obergrenzen“-Debatte vorwirft, dass sie nur quantitativ vorgeht und die wesentlichen Bestimmungen außer Acht läßt, darf nicht vergessen, dass die Forderung „…für alle“ das ebenfalls tut. Die Klärung der inhaltlichen Kriterien, nach denen Asyl gewährt wird, bleibt auch und gerade dem Proletariat nicht erspart. Ukrainischen Faschisten z.B. sollte man keine Grenze öffnen, wofern noch gilt, daß Kriegsverbrecher in den Ländern ihrer Verbrechen abzuurteilen sind. – Die Frage bleibt konkret: wer schleift das Asylrecht, missachtet das Völkerrecht und die Genfer Flüchtlingskonvention? Kern des Problems ist nicht, ob souveräne Gemeinwesen ihre Grenze bedingungslos öffnen.

Letzteres geschah bekanntlich der DDR. Sie war ein souveränes Gemeinwesen, dessen humanistische Asylpolitik durchaus auch das Ziel einer Rückkehr der Geflüchteten verfolgte. Das hatte mit Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder Nationalismus nichts zu tun. Denn die Verfolgten, die die DDR aufnahm, sollten von Staats wegen befähigt sein, mit Ausbildung und Klassensolidarität versehen in ihre  souveränen Heimatländer zurückzukehren, um dort am Aufbau mitzuwirken. Die Motivation solcher „Rückführung“ war Antikolonialismus und Antiimperialismus. Es ging um die wirtschaftliche, politische, militärische Stärkung unterdrückter Herkunftsländer, nicht um ihre Schwächung – im krassen Gegensatz zur „Willkommenskultur“ der Großen Koalition der BRD. Deshalb sollte sich, wer es mit der Flüchtlingspolitik ernst meint, hüten, gleichzeitig zur Delegitimierung der DDR beizutragen.

Das ist leider eine Bastion, die zuerst preisgegeben wird, sobald die Linkspartei in die Nähe einer Regierungsbeteiligung kommt. Da müssen wir gar nicht erst nach Thüringen zum „Unrechtsstaat“-Sermon des Bodo Ramelow blicken. Das kann die Berliner Linkspartei auch. Deren vorauseilende Distanzierung von der DDR-Vergangenheit war schon Bedingung der ersten rot-roten Koalition. Der aktuelle Koalitionsvertrag zwischen Rot-Rot-Grün lässt in dieser Hinsicht ebenfalls nichts offen. Dort heißt es:

„Die Überwindung der Mauer und das Ende des Unrechts der SED-Diktatur durch die Bürgerrechtsbewegung, die friedliche Revolution der DDR- Bevölkerung und die Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands bleiben große Momente unserer demokratischen Geschichte.“

Ein weiterer „großer Moment unserer demokratischen Geschichte“ folgte, als  die Berliner Linkspartei den von ihr vorgeschlagenen Staatssekretär Andrej Holm untergehen ließ, sobald das Wort „Ministerium für Staatssicherheit“ fiel. Zur Sicherheit des Staates DDR beizutragen hatte Holm allerdings niemals tatsächlich Gelegenheit. Schade eigentlich, dann müßte er heute vielleicht nicht für das kämpfen, was in der DDR selbstverständlich war und mit diesem R2G-Senat nicht durchzusetzten ist: „marktferne Mieten“.

Doch die Kriecherei der Berliner Linkspartei geht weiter. Von dem neuesten „grossen Moment demokratischer Geschichte“, den die Linkspartei mitverantwortet, berichtete der Tagesspiegel am 31.03.2017:

„Durch das SED-Regime Geschädigte sollen in Berlin vergünstigt Bahn fahren dürfen. 2010 lehnte Rot-Rot dieses Ansinnen noch ab. (…) Bezieher von SED-Opferrenten sollen künftig den Berlinpass beziehen (…) Der Hauptausschuss verabschiedete in dieser Woche einstimmig einen entsprechenden Antrag von SPD, Linken und Grünen.“

Dazu die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von der GRÜNEN Kriegstreiberpartei: „Das ist eine Geste des Dankes an die, die für ihren Widerstand gegen das SED-Regime und ihr Engagement für die Freiheit verfolgt und unterdrückt wurden… Ich habe mich mit meiner Fraktion seit vielen Jahren dafür eingesetzt“.

Widerstand der Berliner Linkspartei gegen diesen antikommunistischen Propagandacoup war endgültig nicht mehr zu erwarten. Sie sind in der großen Freiheit angekommen, wo die Tramfahrt durch Berlins blühende Landschaft nur durch Almosen erschwinglich wird. Das „Empfangsgeld“ wurde damals noch allen „Brüdern und Schwestern aus dem Osten“ hingehalten. Seither gelten für Ossis diverse politische und soziale Obergrenzen, da man feststellte, daß die meisten sich nicht als Opfer der DDR fühlen. Ihr sozialistisches Land, das einem imperialistischen, neokolonialistischen Regime die Grenze öffnete, verschwand. Millionen DDR- Bürger wurden politisch heimatlos. Diejenigen, die das annektierende Regime als Kollaborateure einschätzt, erhalten von Rot-Rot-Grün nun ein spätes Präsent der Wilkommenskultur – Fluchthilfe aus der Wirklichkeit sozusagen. Wir entnehmen dieser Maßnahme vor allem das Eingeständnis, daß ihre „Opferrente“ für explodierende Mieten, Fahrpreise, Energie- und Gesundheitskosten genauso wenig reicht wie die Strafrenten derer, die mit der DDR die Bezahlbarkeit all dessen für die Arbeiterklasse verteidigten – was auch der westdeutschen seinerzeit nützte.

Ohne Vergangenheit keine Zukunft

Erinnerungen einer Gefangenen von Auschwitz (Anton Sajenko, 2016)

Übersetzung: Olga Malzew, Swetlana Ebert

Auf den Ruhm seiner Vorfahren stolz sein darf man nicht nur, sondern man muss es sein; denn diesen nicht zu respektieren ist beschämende Feigheit! (A.S. Puschkin)

Wir machen uns keine Gedanken darüber, wie sehr wir uns an das Wort „Heldentum“ gewöhnt haben. Es ist alltäglich und banal geworden. Doch um den Sinn dieses Wortes besser zu begreifen, muss man nicht unbedingt in die Lehrbücher schauen. Die wirkliche Kraft dieses Wortes zu spüren, können uns einzig die Augenzeugen der schrecklichen, weit von uns entfernten Ereignisse der Geschichte helfen.

In unserem Kinder- und Jugendclub „Gajdarowez“ wird Arbeit für die militärisch-patriotische Erziehung der Jugend geleistet, werden Veranstaltungen durchgeführt, die den Heldentaten der sowjetischen Soldaten gewidmet sind. Das Aktiv des Clubs sammelt gemeinsam mit dem Museum der 54. Garde-Schützen-Division in Makejewka detaillierte Daten über Veteranen, Teilnehmer an Kampfhandlungen und über Kriegskinder.

Eine alte Freundschaft verbindet Larissa Stepanowna Simonowa mit den Kindern und Jugendlichen des Clubs. Vor vielen Jahren gab es im „Gajdarowez“ das Gesangs- und Instrumentalensemble „Asteroid“, von den Jugendlichen gegründet. Sie sind auf Agitprop-Veranstaltungen, auf Festen und in den Schulen aufgetreten – und so haben sie Larissa Stepanowna kennengelernt, die als Geschichtslehrerin in der Siedlung Jasinowka arbeitete. Sie ist häufig zu Gast in unserem Club. Larissa Stepanowna besucht nicht nur unsere Feste, sondern sie erzieht, indem sie über die Ereignisse der durchlebten Kriegsjahre erzählt.

Die Erinnerungen der unmittelbaren Teilnehmer der Ereignisse helfen, die Vergangenheit wahrheitsgetreu und vollständig zu zeigen, und besonders helfen ihre Erinnerungen, diese weit entfernte Epoche wieder aufleben zu lassen, die Epoche der schweren Kriegszeit 1941-1945.

Wir wollen uns gedanklich in die Menschen hineinversetzen, die diese ganze Hölle überlebt haben und die unter den Schlägen, die ihnen das Schicksal beschert hat, nicht ins Wanken geraten sind, in diese Menschen mit erstaunlicher Widerstandsfähigkeit und Lebensfreude, von denen eine Larissa Stepanowna Simonowa (Mädchenname Konaschewitsch) ist. Vielleicht werden wir danach den Sinn der Worte „Mut“, Heldentum“ und „Heldentat“ besser verstehen.

Konzentrationslager… Dieses schreckliche Wort kennen wir nur aus Büchern. Auschwitz, Buchenwald, Mauthausen… Wir können uns nicht einmal eine Sekunde dieses Schreckens vorstellen, die die Gefangenen dieser Todeslager durchmachen mussten. Wir können nur über die Kraft staunen, die es ihnen erlaubt hat, nicht nur zu überleben, sondern auch, nachdem sie von dort wegkamen, zu glücklichen, vollwertigen Menschen zu werden.

Eine Bestätigung dafür ist das Schicksal von L.S. Simonowa. „Man hat mir schon in der Kindheit gesagt, dass ich ein Glückspilz bin“, sagt die 79-jährige Larissa Stepanowna lächelnd . „Ich bin 1937 geboren. Meine Eltern haben sich in der Kokerei in Makejewka kennengelernt: Vater hat dort gearbeitet, und Mutter hat diese Fabrik mit aufgebaut – sie ist ein wenig früher in den Donbass gekommen, wurde vom Komsomol geschickt.

Vater diente beim Militär und wurde bald an einen anderen Standort versetzt. Er schickte mir von irgendwoher hübsche Kleidchen, in der Kinderkrippe war ich am schönsten angezogen. Ich kann mich ganz schwach erinnern, wie der Vater einmal nach Hause kam mit einer türkischen Decke für Mama und einem Geschenk für mich – das war eine riesige Puppe mit einem Bettchen. Dann ist meine Schwester Allotschka geboren, und Vater (er diente in Sewastopol) hat es durchgesetzt, dass wir zu ihm ziehen durften. Wir hatten schon alles für den Umzug gepackt. Doch frühmorgens fing der Krieg an. Ich kann mich noch erinnern, was im Haus los war, als die Menschen die furchtbare Nachricht erfuhren: alle haben durcheinander geredet, geschrien…

Als der Krieg begann, diente mein Vater auf dem Schiff „Ukraine“ in Sewastopol. Vor Kriegsbeginn, im Frühjahr, hatte er die Erlaubnis für den Umzug seiner Familie nach Sewastopol erhalten. Der Umzug war für den 22. Juni geplant. Die Sachen waren verpackt, wir haben auf den Lastwagen gewartet, und am Morgen sollten wir mit dem Zug nach Sewastopol fahren. Ungefähr bei Sonnenaufgang hat das Haus gesummt wie ein Bienenkorb. Türen knallten, Menschen schrien, Kinder weinten. Mutter drückte uns an sich und klagte bitter: „Krieg, Krieg, Krieg!“ Ein unbekanntes Wort, aber es ließ vor Angst erstarren. Für den Rest meines Lebens habe ich die Stimme von Lewitan (Juri Borissowitsch Lewitan, berühmter sowjetischer Radiosprecher – Anm. d. Übers.) in Erinnerung behalten, die uns aus dem Lautsprecher verkündete, dass der Krieg angefangen hatte. Wir blieben auf dem von den Deutschen okkupierten Territorium. Makejewka wurde zwar erst im Oktober 1941 besetzt. Aber wir, die kleinen Kinder, wussten schon, dass Krieg ist. Vom Zentrum abgeschnitten, litten die Menschen im Donbass Kälte und Hunger, besonders als die Deutschen die Stadt eingenommen hatten. Zuvor hatten die Mütter wenigstens eine kleine Möglichkeit, Sachen gegen Getreide einzutauschen, doch mit der Ankunft der Deutschen war das viel komplizierter geworden, da die zahlenmäßig große Armee der Faschisten nicht nur in den Häusern plünderte, sondern auch auf den Straßen, indem sie den Frauen, die sich in Gruppen sammelten und sogar in andere Stadtbezirke zum Tauschen gingen, die wenigen Sachen wegnahmen. Wir blähten vor Hunger auf, besonders meine kleine Schwester und die Mutter. Die Kinder mit den vor Hunger aufgetriebenen Bäuchen konnte Mutter nicht einfach Fremden anvertrauen. Sie lud ihre jüngere Schwester aus der Stadt Orechowo im Bezirk Saporoschje zu uns ein. Bis jedoch Tante Nina ankam, hatten sich die Ereignisse schon besonders schlimm entwickelt. Mutter erkrankte schwer an Malaria, meine Schwester starb vor Hunger und Kälte. Die Nachbarn unterstützten uns, wo sie nur konnten. Wie durch ein Wunder gelang es, Mutter vor dem unausweichlich scheinenden Tod zu retten. Der eine gab uns Chinin, der andere gab uns den Rat, in den Maisbrei einige Kopfläuse einzurühren, die schon reichlich in jeder Familie vorhanden waren. Mutter stand schwankend vom Bett auf, sammelte einige Sachen zusammen und ging auf den Markt, um sie gegen Maisschrot zu tauschen. Sie ließ mich bei meiner Schwester, hatte in ein weißes Tuch etwas Maisbrei gelegt, daraus einen Lutscher gemacht, den ich meiner Schwester geben sollte, wenn sie weint.

Plötzlich flog die Tür auf und Plünderer mit Maschinenpistolen vor der Brust stürmten herein. Sie nahmen alles, was ihnen in die Hände fiel: Kleidung, Gabeln, Messer, Spielzeug. Sie zogen die Puppe aus dem Schrank, die mir mein Vater geschenkt hatte. Das konnte ich nicht ertragen, ich leistete Widerstand, machte das Fenster auf und schrie: „Sie nehmen meine Puppe weg!“ Einer der Plünderer sah an der Wand das Foto meines Vaters in Matrosen-Uniform, sagte „Marine!“ und durchsiebte das Foto mit der Maschinenpistole. Es hing über dem Bettchen meiner Schwester, die Hülsen fielen direkt auf sie. Die Splitter flogen durch den ganzen Raum. Ich schrie, die Schwester schrie vor Angst auf und erstarrte dann. Das Bettchen von Allotschka stand an derselben Wand, und ein Glassplitter hatte ihr Auge getroffen. Ich sah, wie ihr Äuglein auslief, könnt ihr das euch vorstellen? Ich versuchte, die Nachbarn zu rufen, aber dieser Typ packte mich und stieß mich durch das offene Fenster. Ich klammerte mich an den Fenstergriff und blieb so hängen. Er sah zu, wie ich versuchte, mich festzuhalten, und lächelte. Dann schlug er mich. Ich fiel ins Gemüsebeet, brach mir den Arm, die Rippen… Als meine Mutter vom Markt zurückgekehrt war, fand sie ein völliges Chaos vor, und meine Schwester lag da mit schwarz gewordenen Lippen. Sie war an einem Herzanfall gestorben. Wir begruben Alla auf dem Kosaken-Friedhof, in einer kleinen Kiste aus Sperrholz, in die ich mein Spielzeug legte – Entchen aus Wachs.

Bald danach kam Tante Nina. Mutter wollte mit den anderen Frauen aus unserem Haus in den Dnepropetrowskij-Bezirk gehen, um Sachen zu tauschen.

Im Juni 1942 hatten Massenrazzien zur Verschleppung von Zivilisten nach Deutschland begonnen. Die Einwohner der Stadt fieberten angesichts der Grausamkeiten, die die Faschisten begingen. Diese gründeten nicht nur über 12 Konzentrationslager, 3 Ämter, ein Waisenhaus für die Durchführung von Experimenten, Impfungen und Blutspenden mit Kindern, es gab auch Massenverschleppungen von Zivilisten zur Zwangsarbeit. Es wurde eine Ausgangssperre eingeführt.

An den 26. Juli 1942, als ich 4 Jahre und 7 Monate alt war, kann ich mich erinnern, als ob es gestern wäre. Die Deutschen wüteten. Die Tante entschied, um der Razzia zu entgehen, für eine gewisse Zeit die Stadt zu verlassen, bis die Mutter wiederkäme, und dann zurückzukehren, wenn sich alles beruhigt habe. Wir packten auf die Schnelle und eilten durch menschenleere Straßen zum Bahnhof. Zu unserem Glück stand auf dem Gleis ein Güterzug, überfüllt von Menschen. Das Dach, die Stoßdämpfer und Trittbretter – alles war voller Menschen. Die Tante eilte zum letzten Wagen. Und wir hatten wieder Glück. Die hintere Plattform mit dem Bremsrad war fast leer. Dort waren nur zwei Menschen. Sie hatten Mitleid mit uns und erlaubten uns, uns dazu zu setzen. Bald fuhr der Zug los. Wir fuhren langsam, aber ohne anzuhalten. Die Tante setzte mich in den Kinderwagen, stellte mir einen Topf mit Maisbrei auf den Schoß, zog mir Mütze und Mantel an, wickelte mir die Füße in eine Decke ein – auf der hinteren Plattform war es kalt.

Wie lange wir unterwegs waren, weiß ich nicht, aber die Erinnerung daran bleibt mir mein ganzes Leben lang. Am Himmel brummten Flugzeuge. Es knallten Explosionen neben dem fahrenden Zug, und dann kippten die Wagen um, Flammen schlugen hoch. Durch die Explosionswelle wurden wir in die Umgebung geschleudert. Wir landeten in einem Feld. Die Tante drückte mich mit blutendem Gesicht und blutverschmierten Händen an sich. Ich schrie vor Schmerz auf. Das Gesicht, die Seite, das Bein taten unerträglich weh. Splitter steckten fest in meinem Körper. Einer im Kinn, einige links im Bauch, einer im linken Bein und ein kleiner im Oberschenkel des rechten Beines. Es gab weder Kinderwagen noch Topf mehr. Nur die vor Angst wahnsinnig gewordenen Menschen rannten hin und her, von den Flammen beleuchtet. An uns rannte eine Frau vorbei, die Hälfte des Gesichts war weg und die Hände fehlten.

Uns gegenüber saß eine Frau, die einen Kinderkopf ohne Körper an sich drückte, es lagen Körper, Köpfe, Arme, Beine verstreut. Die Tante versuchte, mich mit ihrem Körper abzuschirmen, damit ich diesen Horror nicht sehe. Sie schleppte mich in eine Schlucht. Setzte mich vorsichtig auf den Schoß, streichelte mir zärtlich über den Rücken und versprach, dass alles gut wird, dass wir bald nach Hause fahren werden.

Foto privatPlötzlich heulte eine Sirene auf und schwarze Lastwagen erschienen neben dem brennenden Zug. Das Geschrei der Menschen verstärkte sich. Hundegebell, deutsche Sprache, die Schreie der Menschen – all das vermischte sich in einem völligen Chaos. Am Rand der Schlucht tauchten schemenhaft Deutsche mit Schäferhunden auf. Sie packten meine Tante brutal und wollten sie ohne mich mitnehmen. Aber sie hielt mich fest an der Hand, ich schrie vor unerträglichem Schmerz. Die Tante stießen sie in den Lastwagen und mich warfen sie direkt den Menschen auf den Kopf. Wie lange wir unterwegs waren und wohin wir gefahren wurden, wusste niemand.

Sie setzten uns in einen Güterzug, sperrten zu und fuhren los. Es gab sehr viele Menschen, fast alle mussten stehen. Vor Müdigkeit und Schmerz konnte ich mich kaum aufrecht halten. Das Gesicht begann zu schwellen und blau anzulaufen. Im Wagen war es stickig und es stank, weil die Menschen ihre Notdurft direkt vor Ort erledigen mussten. Ich hatte Hunger und Durst. Ich wurde immer wieder ohnmächtig. Die Tante feuchtete meine Lippen mit ihrem Speichel an (was sie mir später erzählte). Sie war meiner Mutter gegenüber verantwortlich für mein Leben. Unterwegs überlebten viele nicht und starben, aber es war so eng, dass auch die Toten weiter aufrecht bleiben mussten, weil die Lebenden sie einklemmten. Anfangs schichtete man die Toten an der Wand auf, wofür man dann noch enger zusammenrücken musste, aber die Leichen stanken fürchterlich wegen der Sommerhitze… Dann brachen die Stärkeren heimlich Bretter aus dem Boden und warfen die Leichen unter den Waggon. Es gab nicht nur Erwachsene im Waggon, sondern sogar Säuglinge. Es gab nichts, um sie zu wickeln, es gab kein Wasser. Mitleidige Frauen zerrissen ihre Unterhemden und gaben sie den Müttern. Der Leichengeruch prägte sich für immer in mein Gedächtnis ein. Ich bringe es bis heute nicht fertig, zu Beerdigungen zu gehen.

Mitten in der Nacht kamen wir an. Die Menschen wurden hinausgetrieben wie Vieh. Uns „empfingen“ SS-Leute mit Hunden. Sie reihten uns auf. Es gab viele Kinder. Ein Offizier kam auf meine Tante zu, stieß ihr mit einem Stock gegen die Brust und sagte – „Bordell“ (die Tante war ein hübsches Mädchen), und sie spuckte ihm aus irgendeinem Grund ins Gesicht. Zwei Wachleute stürzten sich gleich auf uns. Die Tante drehte mich mit dem Gesicht zu sich, ich umklammerte sie mit den Armen. Die Wächter fingen an, ihr die Kleider vom Leib zu reißen, und mich packten sie an den Armen, und jeder zog an mir auf seiner Seite. Aufgrund des unerträglichen Schmerzes, da meine Arme aus den Schultergelenken gerissen wurden und wie Stöcke herunterhingen, verlor ich das Bewusstsein.

Was weiter geschah, weiß ich nicht. Ich bin in einer Baracke in der 3. Etage (der Stockbetten – Anm. d. Übers.) mit geschienten Armen erwacht, in einem Block des Männerlagers. Sie versteckten, pflegten, fütterten mich, versorgten mich medizinisch – die damaligen Kriegsgefangenen Roman Prodius und die Onkel Grischa und Jascha (ihre Familiennamen kenne ich nicht). Dann landete ich im Block B-II-b. Wir Kinder wurden von Frauen versorgt – den Tanten Motja, Klava und Pascha. Und so blieb es bis zur Befreiung.

Etwa zwei Jahre nach der Befreiung, im Jahr 1947, traf ich meine Tante Nina wieder, die erzählte, was mit mir geschehen war, nachdem sie uns getrennt hatten. Der Tante rissen sie die Kleider vom Leib, legten sie auf ein Holzbrett, banden sie fest, und schlugen lange mit Peitschen auf ihren Rücken, mit Gummiknüppel auf die Fersen, trieben ihr Nadeln unter die Fingernägel. Ihr ganzer Rücken und die Fingernägel wurden verstümmelt. Das Fleisch an den Fersen wurde bis auf die Knochen abgeschlagen. Nach der Befreiung lebte sie nicht mehr lange.

Mich schleuderten die Wächter auf die Seite, wo die Toten auf einem Haufen lagen. Währenddessen fuhr eine Karre zu den Toten, die von Gefangenen geschoben wurde. Sie fingen an, die Leichen aufzuladen, und zusammen mit den Leichen landete ich auch dort. Die Tante schrie hysterisch, sie wusste noch nicht, wohin die Leichen und ich gefahren werden. Sie wusste noch nicht, dass die Leichen zum Verbrennen abtransportiert wurden. Wir sind uns dann nicht mehr begegnet, sie dachte, dass ich irgendwo außerhalb des Lagers begraben worden sei. Sie hatte nur einen Gedanken im Kopf: Was soll sie meiner Mutter sagen, die weggegangen war, um Sachen gegen Brot zu tauschen und mich ihrer Schwester anvertraute.

Meine Arme hat ein Feldscher, der deutsche Antifaschist Heinz gerichtet. Wodurch er in dieser Baracke gelandet ist – ist ein Rätsel. Neben den ausgekugelten Armen waren bei mir auch beide Oberschenkel gebrochen. Heinz schiente auch sie erfolgreich. Wie lange ich in der Baracke der Kriegsgefangenen blieb, wusste ich nicht.

Erst viele Jahre später erfuhr ich von meinem Stiefvater, Roman Jewsejewitsch Prodius, wie es gewesen war.

An dem Tag, als sie mich von meiner Tante Nina trennten und ich auf einem Leichenhaufen landete, hatte er „Dienst“ am Ofen des Krematoriums. Seine Kameraden und er kamen mit der Karre für die Leichen, um sie ins Krematorium zu bringen. Sie legten die Leichen auf die Karre, bis ich an die Reihe kam. Als er mich aufhob, stöhnte ich vor Schmerz, da meine gebrochenen Rippen gequetscht wurden, und öffnete die Augen. Ohne viel zu reden, legten sie mich vorsichtig auf die Leichen und rollten die Karre Richtung Krematorium. Dort entschlossen sie sich, mir um jeden Preis das Leben zu retten, da ich auf Russisch nach meiner Mutti rief und um etwas zu trinken bat. Roman sagte: „Was für ein schönes Mädelchen, sie muss einfach leben!“: Sie holten die Kiste, worin sie die den Leichen ausgezogene Kleidung lagerten, und legten mich vorsichtig hin, und nach Dienstschluss brachten sie mich in ihren Block. Dort sind alle Metamorphosen meines Aufenthalts geschehen. Die Gefangenen hüteten ihr Geheimnis streng. Sie entwarfen einen Plan, wie sie mich in einen sicheren Ort bringen konnten. Dabei riskierten sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das Leben der anderen: Wäre meine Rettung bekannt geworden, hätte man die ganze Baracke erschossen.

So landete ich im Männerblock der Gefangenen, wo ich mich eine lange Zeit auf der dritten Etage einer Pritsche versteckte.

Heinz erwies sich als Feldscher, er richtete meine Schultergelenke und stabilisierte sie, indem er den Verband mit Telefonkabeln befestigte. Diese farbigen Kabel bewahrte ich sehr lange auf. Damals kamen sie mir so schön vor! Auf der dritten Etage lagen die Kranken, sie starben leise, und ich lag eine Weile zwischen den kalt gewordenen Leichen. Fette freche Ratten fraßen den Toten Lippen, Nase, Wangen ab. Die Gefangenen brachten mir bei, nicht zu schreien. Ich habe immer noch Angst vor Toten, und Ratten bringen mich in einen Schockzustand.
Als es mir besser ging, wickelten sie mich in eine Decke ein (ich bewahrte sie sehr lange auf, bis sie von einem boshaften Menschen gestohlen wurde) und brachten mich in den 13. Block. Ich wanderte dann von Baracke zu Baracke: sobald irgendwo ein Kind starb, kam ich dorthin. Zum Zweck der Geheimhaltung nannten sie mich im Lager wie die verstorbenen Kinder. Mich durfte es doch nicht geben…

Die Öfen des Krematoriums arbeiteten rund um die Uhr. Die Leichen wurden von den Gefangenen selbst verbrannt. Wir Kinder sahen die Schornsteine, woraus ein brauner Rauch stieg, aber was ein Krematorium ist, verstanden wir damals nicht. Und jetzt braucht jemand bloß unter meinem Fenster eine Zigarette anzuzünden, und schon bekomme ich Atemnot.

Natürlich hatte ich Freunde und wir spielten zusammen. Aber wir taten alles sehr leise. Wir durften uns weder unterhalten, noch lachen, noch laut sein. Für die kleinste Verfehlung wurden wir mit dem Gummiknüppel geschlagen. Unsere Baracken wurden schlecht geheizt, wir Kinder wärmten uns in der Asche der Öfen des Krematoriums. Als die Kommandeurin des Frauenlagers Maria Mendel, deren Erscheinen uns alle vor Schrecken erstarren ließ, uns dort erwischte, versteckten sich meine Freundinnen, nur ich habe es nicht geschafft. Sie trat mir mit ihrem Stiefel auf die Brust, und ich spürte, wie meine Knochen knackten und mein Rücken von der Glut brannte. Natürlich wusste ich damals nicht, dass ich auf menschlichen Knochen lag.

Die erwachsenen Gefangenen sorgten für uns: Frauen machten Puppen aus Lappen, Männer schenkten uns Figuren aus Sperrholz und Kieselsteinen – sie schmuggelten sie für uns aus dem Steinbruch raus. Aber Maria Mendel nahm uns unser Spielzeug weg. Wir aßen streng auf Befehl. In der Baracke stand der Länge nach ein Tisch, und hinter unseren Rücken waren die Aufseher. Gott bewahre – sich umzudrehen oder jemandem auf den Teller zu schauen oder ein Wort mit dem Nachbarn wechseln – wir wurden auf der Stelle verprügelt. Der Kommandant gab den Befehl: „Achtung!“, und alle sollten die Köpfe drehen. „Einen Löffel Suppe und Brot!“ – das hieß, wir sollten nur einen Löffel Suppe essen und einmal vom Brot abbeißen. Einmal täglich kriegten wir eine verdorbene Suppe aus nicht geschälten Steckrüben, mit Erde und Würmern. Dann noch eine fingerdicke Scheibe Brot, Marmelade aus roten Beeten oder eine kleine Kartoffel. Sonst nichts. Wasser – in einer stark rationierten Menge. Trinken, wenn wir Durst hatten, durften wir nicht. Wir konnten uns nicht die Hände waschen, wir alle waren dreckig und grässlich. Und jeder hatte Kopfläuse, eine Unmenge. Ich habe immer noch ein Fleck auf dem Bein – ich kratzte damals an einer Wunde, und es nisteten sich Würmer ein. Die Wunde eiterte und der gelbe Knochen war zu sehen.
Die Kranken mussten ins Hospital, aber das war der sichere Tod. Dort führten sie medizinische Experimente an den Kindern durch, darum versuchten die Frauen bis zuletzt, uns vor solcher „Hilfe“ zu bewahren. Ich kann mich erinnern, wie ein sehr gut aussehender Mann kam, sehr überheblich. Er suchte sich Kinder aus, unter anderem auch Zwillinge. Das was Josef Mengele höchstpersönlich (der Arzt, der besonders grausame Experimente an Menschen durchführte und der von den Gefangenen den Spitznamen ‚Todesengel‘ bekam). Die Kinder, die Mengele auswählte, wurden ins Stammlager gebracht. Dort änderte man ihre Augenfarbe durch Injektionen von Chemikalien, setzte Spritzen direkt ins Herz, amputierte ohne Betäubung, sezierte sie bei lebendigem Leib – man behandelte sie wie Material. Auch an Erwachsenen wurden Experimente durchgeführt. Die Überlebenden dieser Experimente wurden anschließend getötet.

Übrigens gab es in der Nachbarbaracke eine Art Entbindungsstation – aber nicht in dem Sinne, dass den Frauen geholfen wurde, die Geburt durchzustehen. Dort arbeiteten eine polnische Hebamme und eine deutsche Prostituierte, die kontrollierten, dass die Wöchnerinnen ihre Kinder ertränkten, oder taten sie es selbst. Als in unserer Baracke eine Frau direkt auf dem gestampften Boden ein Kind gebar, kam eine deutsche Gefangene auf sie zu, hob das Kind mit einer Schaufel auf und warf es lebendig in den Ofen.

1995, eingeladen von der deutschen Regierung, habe ich unfehlbar meinen Block, meine Pritsche gefunden. Als wir nach Auschwitz gekommen sind, dachten alle, dass ich eine Reiseleiterin wäre – so gut konnte ich mich an jedes Detail erinnern. Ich zeigte, wo der Ofen stand, wo die Baracken und Öfen des Krematoriums gewesen waren. Obwohl wir Kinder damals nicht verstanden haben, was ein Krematorium ist. Wir sahen nur die Schornsteine, aus denen brauner Rauch kam. Diesen Geruch werde ich niemals vergessen. Deswegen bin ich nie beim Picknick dabei, wenn gegrillt wird. Kaum raucht jemand unter meinem Fenster, kriege ich keine Luft mehr. Ich rieche Fäkalien wie ein Hund – das ist auch ein Brandzeichen von Auschwitz. Die Kinder, erschöpft von der Ruhr, mussten ihre schmutzige Kleidung anbehalten – wir durften weder uns noch unsere Kleidung waschen.

Hin und wieder kamen reiche Deutsche ins Lager und kauften sich Arbeitskräfte. Ich gefiel einem Ehepaar aus Weimar, und sie nahmen mich zum Arbeiten mit auf den Bauernhof. Ich sollte eine dicke und bösartige Sau versorgen. Ich habe immer noch Narben auf meinen Händen von ihren Bissen. Aber bei der Sau bin ich nicht lange geblieben: die Frau erwischte mich beim Klauen des Fraßes aus dem Schweinetrog, brach mir mit ihren Stiefeln die Finger und schickte mich zurück ins Lager.

Der nächste Kreis der Hölle (eine Zwischenstation – Anm. d. Übers.) hieß Mauthausen. Aber neben dem Horror, den Demütigungen und dem Schmerz nahm ich von dort einen hellen Traum vom Glück mit, der durch einen gefangenen Lehrer geformt wurde, der ab und zu uns kleine Häftlinge besuchte. „Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als ein großes und freundliches Land“, erzählte er, „wo Schnee auf den Bergen liegt und am Fuß der Berge die Rosen blühen; wo Kinder verschiedene Sprachen sprechen, aber miteinander befreundet sind und in die Schule gehen“.

Ich habe meinen kindlichen Olymp erreicht – ich bin Lehrerin geworden und habe der Schule den Großteil meines Lebens gewidmet. Und die Berge aus dem Märchen, auf deren Gipfel Schnee liegt und an deren Fuß die Rosen blühen, habe ich einmal in Kislowodsk gesehen und musste weinen, was die anderen Touristen nicht verstanden haben.

Als die sowjetische Armee Auschwitz befreite, ist ein Wunder geschehen: In einem der Soldaten habe ich meinen Retter Prodius erkannt. Es hat sich herausgestellt, dass Roman Jewsejewitsch aus Auschwitz geflohen war und sich zu unserer Armee durchgeschlagen hatte. In die Heimat sind wir zusammen zurückgekehrt.

Aber unglücklicherweise hatte ich, die ich in den zwei Jahren so viel durchmachen musste, dass es für einhundert Erwachsene gereicht hätte, nicht nur Makejewka, sondern auch die russische Sprache vergessen. Ich, die Sechsjährige, sprach Deutsch besser als Russisch.

Roman Jewsejewitsch bekam eine Stelle in der Metallfabrik und ein Zimmer im Wohnheim mit dem strengen Verbot, seine Tochter dorthin mitzunehmen. Um mich nicht ins Internat schicken zu müssen, baute er ein Häuschen im Schrank, wo ich mich erfolgreich vor der Putzfrau versteckte, während mein Vater in der Fabrik arbeitete. Spazieren ging ich in der Nacht, stieg durch das Fenster, und er ging mir nach – natürlich durch die Tür. Einmal brachte er Fußlappen von der Fabrik mit. Er färbte sie mit Holunder und nähte mir einen Hosenanzug daraus, könnt ihr euch das vorstellen?! Hose und Jacke. Am Wochenende kaufte er Sonnenblumensamen, schälte sie für mich und gab mir die Kerne. Und auch einen Ölkuchen brachte er mir mit. Das war für mich so ein richtiges Fest – ich kann das gar nicht beschreiben. Bald darauf bekam er ein Lebensmittelpaket, in dem Raffinade von bläulicher Farbe und Brot war. Den Geschmack dieses Zuckers, den Geruch dieses Brotes werde ich nie vergessen.

Und meiner eigenen Mutter begegnete ich beim Anstehen nach Brot, und mit einem Lutscher überredet, willigte ich ein, diese unbekannte und aus irgendeinem Grund heulende „Tante“ zu besuchen, aber nur in der Gesellschaft des Vaters. So kehrte ich nicht nur vom Todeslager nach Hause zurück, sondern brachte auch der verwitweten Mutter einen geliebten Menschen, einen Ehemann, mit dem sie in Glück und Einklang bis ins hohe Alter zusammenlebte.

An diesem Punkt könnte man die Wunder für ausgeschöpft halten, wenn man mal von meinen Erfolgen im Sport, zwei abgeschlossenen Studien und der Mutterschaft gegen aller Prognosen der Ärzte absieht.“

Sie hat Hunderte Male dem Tod ins Gesicht geschaut. Doch das Schicksal hat sie, obwohl es in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges für sie schwere Prüfungen bereit hielt, trotzdem vor dem Schlimmsten bewahrt, und mit ihren 76 Jahren schafft es Larissa Stepanowna noch, anderen Menschen zu helfen, die Interessen derer durchzusetzen, die, wie sie selbst, auch die Schrecken der Konzentrationslager überlebt haben.

Die Sprache der Gerichtsakten ist trocken und sachlich. Und es ist schwer sich vorzustellen, wie die Anklagen aus dem Munde der Menschen geklungen hätten, die zwar am Leben geblieben, aber deren Leben der Krieg trotzdem zerstört hat: das Leben der Witwen, der verwaisten Kinder, der Bewohner von Leningrad, die nur durch ein Wunder die Blockade überlebten, und noch das von Millionen, deren Leben sich in „vorher“ und „nachher“ teilte. Unter ihnen könnte auch ein Mädchen namens Larissa sein, die den Verbrechern die Brandmale von Auschwitz vorgelegt hätte, die sie mit 5 Jahren auf den Körper bekam.

Heute setzt sie, die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Gefangenen der Konzentrationslager der Stadt Makejewka, sowohl die Gleichaltrigen als auch die jüngeren Menschen in Erstaunen: Wenn jemand Hilfe braucht, vergisst Larissa Stepanowna die eigenen Krankheiten und erledigt Behördengänge. Im Jahr 1989 hat sie die ehrenamtliche Stadtorganisation der ehemaligen Gefangenen des Faschismus gegründet. Die Organisation zählt 5216 Menschen in ihren Reihen. Larissa Stepanowna leistet umfangreiche ehrenamtliche Arbeit für die Erziehung der heranwachsenden Generation. Sie führt einen Briefwechsel mit den deutschen Städten Köln, Berlin, Bochum, Chemnitz und auch mit Österreich.

Larissa Stepanowna Simonowa, die in den Kriegsjahren 1941-1945 gelitten hat, wurde mit drei Orden ausgezeichnet „Für Verdienste gegenüber der Ukraine“, „Für Mut“ III. Grades und der Gedenkmedaille des Internationalen Verbandes der ehemaligen Häftlinge des Faschismus „Die Ungebrochenen“ für Widerstand und Treue zur Heimat. Außerdem wurden Larissa Stepanowna über 20 weitere Auszeichnungen und Jubiläumsmedaillen verliehen.

Es wird gesagt, dass der Mensch für das Glück geboren wird. Ich möchte nicht entscheiden, ob das stimmt oder nicht, aber ich weiß, dass es nicht allen und nicht immer gelingt, dies in vollem Umfang zu erleben. Und hier spielt das Schicksal eine große Rolle, das man nicht umgehen kann. Zu Larissa Simonowa war es zwar gnädig, aber es hat ihr solche Prüfungen auferlegt, die für mehrere Leben gereicht hätten. Sie ist Ehrenbürgerin unserer Stadt, ein MENSCH (in großen Lettern geschrieben). Ihr Leben ist heldenhaft und ein Beispiel für uns Jugendliche. Über diese Frau könnte man Romane schreiben, und man müsste sich dafür überhaupt nichts ausdenken. Und wenn jemand weiß, was Hölle bedeutet, dann ist es sie, die am eigenen Leib die Grausamkeit der faschistischen Unmenschen und die schrecklichen Leiden von Auschwitz erlebt hat. Nicht zufällig sind die besten Jahre ihres Lebens mit der Recherche-Arbeit verbunden. Und begonnen damit hat sie im Jahr 1988.

„Damals fand in Kiew, im Haus der Offiziere, die erste Versammlung der minderjährigen Häftlinge der Konzentrationslager statt“, erinnert sich Larissa Stepanowna. „Unter den 800 Teilnehmern war auch ich. Auf der Versammlung wurde ein Internationaler Verband der minderjährigen Gefangenen der Konzentrationslager gegründet. Im Verlauf eines Jahres ist auf meine Initiative hin eine solche Organisation auch im Bezirk Donezk entstanden, und 1991 auch in unserer Stadt. Ich wurde zur ihrer Vorsitzenden gewählt.“
Seitdem wurde eine gewaltige Arbeit getan. Der Stadt hat die Namen von 7000 Menschen erfahren, die in faschistischer Gefangenschaft waren; Dokumente für 4,5 tausend Menschen hat Larissa Stepanowna persönlich in Archiven aufgestöbert. Das hat vielen erlaubt, ihre finanzielle Lage zu verbessern aufgrund der Entschädigungszahlungen aus Deutschland. 2014 zählte die Organisation der minderjährigen Gefangenen der Stadt 2264 Menschen.

In 24 Jahren hat L. S. Simonowa im Rahmen der Organisation eine riesige Arbeit geleistet: Die Bewohner der Stadt Makejewka haben von den 7000 Menschen erfahren, die in faschistischer Gefangenschaft waren; Dokumente für Tausende von Menschen hat sie persönlich in den Archiven des Donbass und außerhalb der Region gefunden.

Vor zwei Jahren zählten zur Organisation der minderjährigen Häftlinge der faschistischen Konzentrationslager 2264 Menschen, aber bei den jetzigen Kampfhandlungen im Donbass hat sich ihre Zahl auf 400 Menschen verringert, weil viele die starke psychische Belastung nicht ertragen haben. Nach den Beschüssen der Stadt hat Larissa Stepanowna gemeinsam mit den Mitgliedern des Kinder- und Jugendclubs „Gajdarowez“ den betroffenen Bewohnern geholfen, sich wieder zu erholen, medizinische Betreuung zu erhalten.

Heute gibt es in unserer Stadt ein ungewöhnliches Denkmal, übrigens bis jetzt das einzige in der Welt, das den Blutspende-Kindern gewidmet ist. In den Jahren der Okkupation ist in unserer Stadt etwas geschehen, was bis jetzt die menschlichen Herzen empört. Die Deutschen haben in Makejewka ein Waisenhaus namens „Obhut“ gegründet, dessen Gebäude bis jetzt noch unter der Anschrift Pantschenko Str. 1a zu finden ist, wohin Kinder aus der ganzen Stadt gebracht wurden. Diese Kinder sind zwangsweise als Blutspender benutzt worden für Soldaten der deutschen Armee. Den kleinen Bewohnern von Makejewka haben die Faschisten Blut abgenommen für die Rettung ihrer eigenen Soldaten. Dafür haben sie Kinder ausgesucht, die ihre Eltern verloren hatten oder deren Eltern nach Deutschland verschleppt worden waren. Das war echtes Blutsaugertum. Die jüngste ‚Spenderin‘ war Mascha Sidorowa. Faschisten haben ihr Blut abgenommen, als sie kaum 6 Monate alt war. Das älteste Blutspende-Kind war 12 Jahre alt. Natürlich haben viele Kinder solche Folter nicht ausgehalten, anders kann man solche Handlungen nicht nennen. Vom Waisenhaus bis zum Friedhof pendelte ein Karren, von dem die Kinderleichen in ein Grab geschüttet wurden. Mehr als 300 Kinder sind gestorben, die ihr Leben dafür gegeben haben, dass es uns jetzt gut geht. Und wenn es nicht die Recherchen von Larissa Stepanowna gäbe, hätten wir kaum davon erfahren.

Larissa Stepanowna erzählte dies mit zitternder Stimme, und ich bekam Gänsehaut. Das war eine Lehrstunde des Mutes, eine Unterrichtsstunde, in der die Kinder lernten, den Frieden zu schätzen, die Älteren zu respektieren, das zu bewahren, was unsere Vorfahren während des Großen Vaterländischen Krieges verteidigt haben.

Während der festlichen Veranstaltungen zum 1. Oktober, dem Tag der Alten und Veteranen, und zum 9. Mai (dem Tag des Sieges über den Hitlerfaschismus – Anm. d. Übers.) wurde den Kindern und den Erwachsenen warm ums Herz vom Optimismus und der Herzlichkeit, von der mächtigen Energie, die von dieser Frau ausging, die ihr ganzes Leben dem Dienst an den Menschen gewidmet hat, dem Wertvollsten, was der Mensch besitzt. Die Kinder erinnern sich begeistert an diese Begegnungen mit dieser lebenden Legende, zu den Festtagen widmen sie ihr Gedichte und Lieder, führen innige Gespräche über die Werte des Lebens, über die geistige Erziehung, über Mitmenschlichkeit und Liebe.

Larissa Stepanowna gehört zu denen, die zu jeder Heldentat fähig sind, aber damit nie angeben würden. Das, was sie erleben musste, liest man nicht einmal in den schrecklichsten aller Märchen. Und doch hat sie den Beruf einer Lehrerin gewählt, dem sie über 50 Jahre ihres Lebens widmete.

Ihr Schicksal ist ein Beispiel für Selbstbeherrschung, Widerstandskraft und Geduld. Vielleicht darum hat sie wohl der liebe Gott vor dem Schlimmsten bewahrt, weil er wusste, dass sie in der Lage ist, den Lebenden die grausame Wahrheit des Lebens beizubringen, ohne dabei ihre Bestimmung zu vergessen, das Gute zu tun. Larissa Simonowa ist eine lebende Legende unserer Zeit, ohne jegliche Übertreibung. Ich kenne sie persönlich seit 6 Jahren, bin mit ihr die ganze Zeit befreundet und bin sehr stolz darauf.

Ich sehe in diese Augen, die mit vielen Falten umgeben sind, ich höre diese Rede mit vielen Abschweifungen, die meine Gesprächspartnerin manchmal auf ganz andere Erinnerungen bringen, und denke: Woher hat so ein zerbrechlicher Mensch so viel Kraft?… So viel durchzustehen, in der Schule als Lehrerin tätig zu sein und dabei jeden Tag einen Teil ihres Herzens den Kindern zu schenken, und außerdem eine titanische Arbeit für die Wiederherstellung der Rechte der nach Deutschland Verschleppten zu tun, ihnen Hilfe zu leisten, damit sie ihre Entschädigungen erhalten… Keine Dokumente sind in der Lage, die Größe dieser Epoche und dieser Menschen widerzuspiegeln. Ohne das Zeugnis der Kriegsteilnehmer kann man die Geschichte nicht begreifen, nur sie geben uns die Möglichkeit, dem Geist der Kriegszeiten nachzuspüren, ist ihr Leben doch eine Verkörperung, eine lebendige Gestaltung der uns so vertrauten, aber doch nicht vollkommen ergründeten Worte „Heldentat“, „Heldentum“, „Mut“…

Die Sache, der Larissa Stepanowna ihr ganzes Leben gewidmet hat, sollten wir, die junge Generation, weiterführen, damit es Frieden gibt, das Leben auf dem Planeten weitergeht, die Sonne scheint.

Es sei Frieden auf dem blauen Planeten,
in den wir ewig verliebt sind.
Und die Kinder sollen nie mehr
Die blutigen Augen des Krieges sehen…

P.S. Diese Arbeit befindet sich im Museum des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Ravensbrück, und die Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses zu den Blutspende-Kindern wird bis heute von einer Initiativgruppe, der die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Häftlinge – Opfer des Faschismus in Makejewka L.S. Simonowa, die stellvertretende Dekanin für Erziehungsarbeit der Fakultät für Geschichte der Universität Donezk E.A. Schkribitko sowie der Vorsitzende des Rates des Clubs „Gaidarowez“ und Student der Fakultät für Geschichte der Donezker Universität A.S. Sajenko, angehören, weitergeführt.

Bis zum letzten Blutstropfen

von Anton Sajenko - Übersetzung: Olga Malzew, Swetlana Ebert

Die Kindheit ist die goldene Zeit des Lebens. Glücklich. Sorglos. Fröhlich. Unvergesslich. Nur in der Kindheit gibt es diese endlos langen Tage, die leuchtendsten Farben, die süßesten Bonbons. Alles voller Superlative…

Kinder sind die Blüten des Lebens. Wird dem Kind die Kindheit geraubt, die Liebe genommen, verliert es nicht nur einfach irgendetwas, sondern es wird sich nicht vollwertig weiterentwickeln können, zu DER Persönlichkeit werden, die es hätte werden können, wenn ihm dies nicht widerfahren wäre…

Erwachsene rauben Kindern nicht nur die Kindheit, sie rauben ihnen das Leben.

Die Geschichte, die von Menschen gemacht wird, opferte nicht nur einmal Kinderleben auf ihrem Altar. Die Geschichte ist gnadenlos gegenüber den Kindern! Welches Herz erbebt denn nicht, wenn man alleine die offizielle Statistik hört: 13 Millionen Kinder, die von den Faschisten während des 2. Weltkriegs vernichtet wurden! In den Jahren der deutschen Okkupation wurden in der Stadt Makejewka, damals noch im Oblast Stalino, 12 Konzentrationslager zur Massenvernichtung und Versklavung der Zivilbevölkerung gebaut, nur deshalb, weil sie nicht als Arier galten und damit nicht zur Herrenrasse gehörten…

In Makejewka, wie es in den Archivdokumenten über die Verbrechen, die die deutschen faschistischen Okkupanten an den sowjetischen Bürgern der Stadt Makejewka vom 22. Oktober 1941 bis zum 5. September 1943 begangen haben, steht, „..haben auf Befehl des Stadtkommandanten Major Müller die Verräter der Heimat, die Bürgermeister … Podgajewskij W.S. und Strjuck P.K. am 5. Februar 1942 ein Kinderheim mit der Bezeichnung ‚Obhut‘ zur besser organisierten Vernichtung von Kindern in großem Maßstab eingerichtet, und bei der Stadtverwaltung eine ‚Sonderabteilung für die öffentliche Obhut‘ geschaffen. Im Kinderheim wurde ein extrem hartes Regime eingeführt, die Kinder haben mehrere Tage lang kein Brot bekommen, wurden mit allerlei Abfällen gefüttert, es gab keine medizinische Betreuung“.

Dieses Heim war in Grunde genommen ein Konzentrationslager für die Massenvernichtung von Kindern. Das Gebäude, in dem zwischen 1942 und 1943 auch ein Hospital für deutsche Soldaten war, ist bis heute erhalten geblieben und befindet sich in der Pantschenko-Str. 1A in Makejewka.

Laut dem Rassenunsinn der Nazis sollte das Blut der Slawen minderwertig und unwürdig zur Lebensrettung von deutschen Soldaten sein. Aber in der Not der letzten Kriegsjahre übertrat die Wehrmacht dieses Verbot. An der Ostfront wurden Tausende Ukrainer und Weißrussen zum Blutspenden bis zum letzten Tropfen gezwungen.

Auch die Kinder trieb man so in den Tod. „Infolge von Erschöpfung, Krankheitsepidemien und Lebensmittelvergiftung starben über 300 Kinder, deren Leichen in Massengräber in der Nähe der Siedlung Sozgorodok geworfen wurden. Die Nazis haben die Kinder als „biologischen Rohstoff“ benutzt. Der jüngste Blutspender aus dem Kinderheim „Obhut“ war gerade einmal 6 Monate alt, der älteste – 12.

Die Ärzte Budika und Pasowskij, die vordem Krieg, während der Kriegsjahre und nach dem Krieg im 1. städtischen Krankenhaus gearbeitet hatten, berichteten, dass dieses Krankenhaus in den Jahren der Okkupation zum deutschen Hospital gemacht wurde. Die Deutschen wurden hier nicht nur erstklassig behandelt und gut ernährt, sondern auch mit dem Blut der Kinder versorgt. Hierher wurden Babys aus der näheren Umgebung gebracht, denen gnadenlos das ganze Blut bis zum letzten Tropfen genommen wurde. Eine weitere Quelle für Blut war das Kinderheim „Obhut“. In das Heim kamen Kinder, deren Eltern tot oder nach Deutschland zur Zwangsarbeit deportiert waren. Eines von ihnen war Galina Grigorjewna Samochina (geborene Iljuschtschenko), eine der wenigen Überlebenden aus dem Haus „Obhut“. Sie erzählte: „Im Kinderheim haben wir ständig die Geräusche von Schüssen gehört. Es wurden Menschen erschossen. Und die etwas älteren Kinder, die aus ihren Zimmerfenstern zum Park schauen konnten, sahen, wie die Stadtbewohner zur Hinrichtung geführt wurden. Und sie erzählten uns, den Kleinen, dass sie aus dem Boden ragende… Arme und Beine… gesehen hatten.“

Die achtjährige Galja hatte zwei Brüderchen – den fünfjährigen Wolodja und den dreijährigen Slawik. Einmal war ihre Mutter in irgendein Dorf gegangen, um Kleidung gegen Nahrungsmittel zu tauschen, und nicht mehr zurück gekommen. Wie sich herausstellte, war die Frau zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden. Sie wurde erst im Jahr 1945 befreit. Die Kinder blieben alleine. Den Kleinsten, Slawik, nahm eine wohlhabende kinderlose Familie auf. Aber Galja und Wowa brachten die Polizisten ins Kinderheim.

„Unsere Ernährung war fürchterlich: sie luden direkt im Hof eine Karre voller verfaulter Rüben oder trockener Maiskolben ab, so dass die Zähne davon knirschten, doch wir griffen gierig danach, um nicht zu verhungern“, erzählte Galina Grigorjewna. „An den Tag der Massenvergiftung kann ich mich ganz gut erinnern. Es war unerträglich heiß draußen. Sie brachten ein Fass mit dem Blut getöteter Tiere ins Heim, in dem grüne Fliegen schwammen. Diese Flüssigkeit backten sie auf und gaben uns das zum Frühstück. Bis 11 Uhr hatten alle Vergiftungssymptome. Viele, besonders die kleinen Kinder, starben. Mir wurde es schwarz vor Augen, ich ging aus dem Haus und legte mich auf die Bank, die vor dem Eingang stand. Die Kinderfrau packte mich an den Haaren und schleppte mich irgendwohin. ‚Schnell, zur Spülung!‘, schrie sie. Bei allen überlebenden Kindern wurde eine Magenspülung gemacht.
Sie beeilten sich nicht, die Gefangenen des Kinderheims zu töten: die benötigten sie als Blutspender für die verwundeten deutschen Soldaten.

„Die Kinderfrau kam zu mir mit den Worten: ‚Du musst eine Blutprobe abgeben‘ und brachte mich in einen Raum, wo sie mir Blut abnahmen“, erinnerte sich Galina Grigorjewna. „Aber einmal versuchte ich zu fliehen, weil mir nach diesen Blutproben immer einige Tage lang schlecht und schwindlig war.“

Die Flucht gelang Galja nicht. Die Kinderfrau packte sie an die Hand und schleifte sie in den Raum, in dem das Arztzimmer war. Während die Aufseherin sie den Gang entlang schleppte, sah das Mädchen, wie sie aus diesem Zimmer den leblosen Körper eines Jungen heraustrugen.

Im Zimmer stand ein deutscher Offizier neben der Liege und an einem Tisch voller Gläschen saß ein Arzt. Galja legten sie auf die Liege, mit dem Gesicht zur Wand. Galja spürte den Schmerz eines Einstichs an ihrem Arm, drehte sich um und sah, dass von ihrem Arm „eine Leitung wegging“.. Sie weiß nicht, wie lange sie dort gelegen hatte. Sie weiß nur noch, dass der Doktor anfing, sie vorsichtig an den Schultern hochzuziehen und ihr dann ihr eine dunkle Tablette zum Schlucken gab. Dann kam sie erst wieder in ihrem Bett zu sich. Einige Tage lang konnte das Mädchen nicht aufstehen. „Ich verlor das Gleichgewicht und fiel hin“.

„Ich weiß nicht, wie viel Blut sie aus einem abgemagerten Kind herauspumpen konnten, aber viele Kinder starben“, erzählte meine Gesprächspartnerin. „Einmal schaute ich in unseren Vorratsraum, der sich im Gang befand, und begriff, dass man dort gar kein Essen aufbewahrte…“

Im Schlafraum, wo Galja zwei Jahre verbrachte, gab es eine Glastür. Durch das Glas konnte man den Gang sehen, an dessen Ende sich dieser Vorratsraum befand. Einmal beobachtete Galja, wie die Aufseherin die Tür zu dem Vorratsraum für einen unbekannten Mann öffnete, und er holte etwas heraus, in Stoff eingewickelt. Galja hatte auch schon früher gesehen, wie dieser Mann hin und wieder etwas aus dem Vorratsraum holte, auf eine Karre im Hof legte, mit schwarzem Stoff bedeckte und wegfuhr. Als sie sah, dass die Tür des Vorratsraums offen geblieben war, rannte Galja dorthin in der Hoffnung, etwas Essbares zu finden.

„Als ich hineinschaute, sah ich, dass dort Kinderleichen bis zu meiner Augenhöhe aufgestapelt waren“, erinnerte sich die Frau. „Ohne klar denken zu können vor lauter Angst, rannte ich in den 2. Stock, in den Schlafsaal der Jungen. Dort lebte mein jüngerer Bruder, und ich wollte wissen, ob er noch lebt. Als ich den Bruder sah, beruhigte ich mich ein wenig.“

Den 6. September 1943 – den Tag, an dem sowjetische Kampfeinheiten Makejewka eroberten – haben die Einwohner von Makejewka, die Gefangenen und auch Galina Grigorjewna Samochina als einen der glücklichsten Tage ihres Lebens in Erinnerung behalten. Auf dem Dachboden des Kinderheims „Obhut“ richteten die Soldaten der Roten Armee ihren Beobachtungspunkt ein.

„Die Soldaten gaben uns getrocknetes Brot und Zuckerstückchen, baten uns nach unten zu gehen und uns vor dem Beschuss zu verstecken“, berichtete meine Gesprächspartnerin lächelnd. „Eine Granate traf das Gebäude des Heimes, es fiel die Verglasung aus den Fenstern raus, aber niemand wurde getötet.“

Am nächsten Tag kamen neue, fürsorgliche Erzieher und Ärzte ins Kinderheim.

Anfang 1944 wurden alle ehemaligen Gefangenen des Kinderheimes “Obhut“ im Internat in der Siedlung Tschistjakowo (der heutigen Stadt Tores) untergebracht, das aus Spenden der Arbeiterinnen der Bergwerke in Kasachstan gebaut worden war. Das war ein echtes Paradies für die Kinder. Das Waisenhaus wurde mit Lebensmitteln und Kleidung direkt aus Kasachstan beliefert, wo es keine Kriegshandlungen gab.

„Erst Jahre später habe ich erfahren, dass der Donbass nach dem Krieg in den Jahren 1945-1947 hungerte, dass Brot auf Lebensmittelkarten ausgegeben wurde“, sagt Galina Grigorjewna Samochina. „Denn bei uns gab es weißes Brot auf dem Tisch, Rosinen und sogar Schokolade. Im Winter stolzierten wir in Mützen und Stiefeln aus Persianerfell herum.“

Im Jahr 2001 beschloss Galina Grigorjewna, Zeugnisse ihres Aufenthalts im Konzentrationslager zu finden. Im Gebäude des ehemaligen Kinderheimes „Obhut“ war zu dem Zeitpunkt ein Kinderinternat untergebracht. Der Sekretär des Internats holte drei Hefte aus dem Safe mit Listen der Kinder, die sich damals im Kinderheim befunden hatten. Eine große Recherchearbeit leistete auch die Direktorin des Kunst- und Heimatmuseums von Makejewka Alla Alexejewna Perepeliza. Galina Grigorjewna Samochina fand dort auch ihren Namen und den Namen ihres Bruders. Dank dieser Listen sind auf dem Denkmal für die Kriegskinder, die Opfer des Faschismus waren, 120 Namen verzeichnet.

„Die Namen der getöteten Kinder zu ermitteln ist uns nur zum Teil gelungen – in den Heften gibt es offensichtlich keine vollständigen Listen“ erzählt die Vorsitzende der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – Larissa Simonowa.

2005 wurden auf Initiative von Larissa Stepanowna Simonowa und unter der aktiven Teilnahme der Einwohner von Makejewka an dem Ort der Massengräber der mehr als 300 Kinder aus dem Kinderheim „Obhut“ drei Gedenkstelen aufgestellt, auf denen die Namen der getöteten unschuldigen Kinder verzeichnet stehen. Die erste Gedenkstele wurde zum Tag der Befreiung der Stadt von den Faschisten am 7. September 2005 aufgestellt und die beiden anderen mit den Namen und Vornamen der Blutspende-Kinder im Jahr 2006. Das Denkmal wirkt nach außen hin schlicht, aber es ist großartig in seiner Bedeutung. Es ist das bisher einzige Denkmal weltweit, das den Blutspende-Kindern gewidmet ist.

Heute stehen diese Fakten nicht in den Schulbüchern, es wird den Schülern, die die militärische Geschichte ihrer Heimat kennenlernen, über die Blutspende-Kinder nichts berichtet, und in Makejewka selbst ist heute nur ein einziger Augenzeuge dieser Ereignisse übriggeblieben – Wladimir Woloschin, der wie durch ein Wunder überlebt hatte und den Nachkommen die Einzelheiten des Geschehenen in diesen schrecklichen Jahren erzählen konnte. Er war Augenzeuge der Beerdigung der Kinderleichen in der Siedlung Sozgorodok, wo jetzt das Denkmal für diese Kinder steht. Man kann nicht teilnahmslos die Geschichte der Kinder hören, die in den Konzentrationslagern gemartert wurden und zu Opfern des großen Krieges geworden sind.

Im Jahr 2016 hat eine Initiativgruppe, die aus der Vorsitzenden der Organisation der ehemaligen Gefangenen – der Opfer des Faschismus – der Stadt Makejewka und Ehrenbürgerin der Stadt Larissa Simonowa, dem Vorsitzenden des Clubs „Gajdarowez“ und Studenten der Fakultät für Geschichte der Uni Donezk Anton Sajenko und der stellvertretenden Dekanin für Erziehungsarbeit an der Geschichtsfakultät der Donezker Universität Elena Schkribitko besteht, die Recherchearbeit für die Wahrung des Andenkens an die kindlichen Zwangsblutspender aus dem Heim „Obhut“ der Stadt Makejewka fortgesetzt.

Die Spur ihrer nicht gelebten Leben verliert sich in der Geschichte – von vielen ist nicht einmal ein Foto geblieben… Sie sind in der Dunkelheit des Daseins verschwunden… Spurlos…

Das Wichtigste heute ist – dieses Gedenken zu wahren, die Orte zu pflegen, wo die Blutspende-Kinder begraben sind, damit wir nicht gezwungen sein werden, die Geschichte zu wiederholen. Von Anfang an…

Ein würdiges Jubiläum

60 Jahre Deutscher Turn- und Sportbund

Als am 28. und 29. April 1957 im Haus der DDR-Ministerien 1957 der Deutsche Turn- und Sportbund gegründet wurde, begann die Erfolgsgeschichte einer der effektivsten Sportorganisationen weltweit.

Auf den Tag genau feiern am 28.4.2017 in Berlin Marzahn Sportler, Trainer, Übungsleiter, Funktionäre, Kampf-und Schiedsrichter, Sportmediziner, Sportwissenschaftler, DDR-Vertreter internationaler Sport-Organisationen und Verbände, Mitarbeiter in den Sportverbänden, der Sport-und Fußballclubs, der Sportschulen und Sportstätten, Sportlehrer und die unzähligen ehrenamtlichen Helfer des Sports den 60. Jahrestag der Gründung dieser Massenorganisation. Sie vereinte 1989 3,2 Mio. Mitglieder in 36 Sportarten, mehr als 10500 Sportgemeinschaften und über 6000 Gruppen des Anglerverbandes und 600 Motorsportclubs.

Der DTSB stellte sich als Mobilisierungskraft der Gesellschaft dar, die eine unübersehbare Schar von Breitensportlern anregte, sich sportlich zu betätigen und jungen Talenten die Voraussetzungen für spätere Weltspitzenleistungen schuf.

Viele Gründungsmitglieder, die am Jubiläumstag unter uns weilen, können vom schweren Anfang erzählen, als sich der Sport unter geringen materiellen Bedingungen infolge des Krieges bescheiden auf kommunaler Ebene entwickelte. Erinnert sei an dieser Stelle die Hilfe des sowjetischen Sports beim Aufbau und der Entwicklung der Sportbewegung in der DDR. Die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder führten einen konsequenten Kampf, damit der DDR-Sport im IOC und in den Weltsportverbänden anerkannt wurde und gleichberechtigt an Olympischen Spielen und Internationalen Meisterschaften teilnehmen konnte. Nicht unerwähnt möchte ich die Bildung von Sportvereinigungen lassen, wodurch der Sport von Betrieben und Gewerkschaft hervorragend unterstützt wurde. Mitte der 70er Jahre gab das gemeinsame Sportprogramm von FdGB, FDJ und DTSB weitere wesentliche Impulse für die beschleunigte Entwicklung des Sports in der DDR. Unvergessen bleiben die Erlebnisse Zehntausender Sportlerinnen und Sportler in Vorbereitung und Durchführung der Turn- und Sportfeste in Leipzig. Die Friedensfahrt, insgesamt 58-mal ausgetragen, begeisterte Millionen Anhänger des Sports und verbreitete nachdrücklich mittels des Sports den Gedanken des Friedens. Und wer erinnert sich nicht an Harry Glaß und Wolfgang Behrend, die noch vor der Gründung des DTSB die ersten olympischen Medaillen für die DDR errangen.

Bis heute bleibt unbegreiflich, dass der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs der Bundesrepublik am 14.3.1961 den DTSB als verfassungsfeindliche Organisation eingestuft hat – ein weltweit einmaliger Vorgang.

Die Erfolgsgeschichte des DTSB hatte bis zu seiner jähen Einverleibung viele Facetten, die an dieser Stelle weder vollständig noch umfassend dargestellt werden können.

Die Begriffe Breitensport, Volkssport, Sport für Alle trugen zu Recht diesen Namen, denn laut Art. 25 der Verfassung der DDR (in der Bundesrepublik ist es bis heute nicht gelungen, das Recht auf sportliche Betätigung verfassungsmäßig festzulegen) wurde jedem Bürger, die Möglichkeit garantiert, Sport zu treiben. Mit der unentgeltlichen Nutzung der Sportstätten, einer Fahrpreisermäßigung von 50-75%, dem Versicherungsschutz bei Sportunfällen, dem K+S-Fond in den Betrieben wurden optimale Voraussetzungen geschaffen. Und das bei einem Mitgliedsbeitrag von 0,30-1,30 Mark.

Es wäre zu einseitig, die Erfolge des Leistungssports nur an den errungenen Medaillen bei Olympischen Spielen oder internationalen Meisterschaften zu messen. Das Streben nach sportlichen Höchstleistungen war stets verbunden mit einer allseitigen Persönlichkeitsentwicklung.  Viele unserer besten Sportler waren und sind, wie z. B. „Täve“, noch bis heute tatsächlich Diplomaten im Trainingsanzug und Vorbild für die Jugend. Jedes sportliche Talent konnte sich unabhängig vom Geldbeutel der Eltern entwickeln. Dafür standen allein für die Trainingszentren im engen Zusammenwirken mit nahezu 9000 Übungsleitern 1.800 hauptamtliche Trainer, in der Regel mit Hochschulabschluss, zur Verfügung. In den 27 Sport- und 11 Fußballclubs wurden 12.500 Sportler von 4000 Trainern betreut, die ihren Auftrag darin sahen, in einem pädagogischen und sportfachlichen Prozess Sportler zu Höchstleistungen zu führen und sie in ihrer allseitigen, also körperlich, geistig und moralischen Entwicklung  zu begleiten.

Zu den Erfolgsfaktoren, die nur in ihrer Komplexität zur vollen Entfaltung gelangen konnten (im Gegensatz zum heutigen deutschen Sport), zählten u.a.: ein optimales Auswahl-Trainings-und Fördersystem; die Unterstützung durch den Staat; die besondere Aufmerksamkeit für den Nachwuchsleistungssport  als eigentliches „Geheimnis“ des DDR-Sports; die Anwendung des Leistungsprinzips; die Aus- und Weiterbildung der Trainer, besonders an der DHfK und ihren Außenstellen; die Rolle der Sportmedizin und der Sportwissenschaft.

Auch mein Leben im Sport widerspiegelt die erfolgreiche Entwicklung des DTSB. Im Gründungsjahr 1957 begann ich bei der BSG Wismut Beierfeld mit dem Schlittensport. Nach der erfolgreichen Teilnahme an den Olympischen Winterspielen 1964 und 1968 und dem Studium an der DHfK begleitete ich die DDR-Schlittensportler bei den Olympischen Spielen 1972 und 1976 als Verbandstrainer. Bei den Olympischen Winterspielen 1984 und 1988, bei denen ich in der Funktion als Chef de Mission tätig war, stellten die DDR Sportler abermals unter Beweis, dass sie  zu den besten Sportnationen gehörten.

Anlässlich des 60. Gründungstages des DTSB können wir eine beeindruckende Bilanz vorweisen.  Ich bin sicher, dass all diejenigen, die an dieser erfolgreichen Entwicklung mitwirkten, mit mir übereinstimmen: Wir feiern mit Recht ein würdiges Jubiläum.

Der Vorabend des Roten Oktober

Die Februarrevolution

Es war vor hundert Jahren, im Jahre 1917 als in Russland gleich zwei Revolutionen stattfanden: die Februarrevolution und die Oktoberrevolution. Begonnen hat das Jahrhundert auch mit einer russischen Revolution, der Revolution von 1905 bis 1907. Wir haben es also mit einer über zwei Jahrzehnte anwachsenden revolutionären Situation zu tun.

 

Mit der Februarrevolution – noch im ersten Weltkrieg – wurde die über tausendjährige Zarenherrschaft und die 300jährige Herrschaft der Romanows beendet und Russland zur Republik.

Mit der Beteiligung Russlands am 1.Weltkrieg hoffte die Regierung Nikolaus II. nicht nur die Begierden der russischen Bourgeoisie zu befriedigen, sondern auch das Hinterland unter Kontrolle zu bekommen und die nationale Revolution zu vereiteln. Die Rechnung ging aber nicht auf. Im Gegenteil. Der Krieg trieb alle sozialökonomischen Widersprüche auf die Spitze, entlarvte die Zarenmonarchie und legte ihre ganze Fäulnis bloß.

Unter allen kriegführenden Mächten erlitt Russland die größten ökonomischen Erschütterungen. Das Land sah sich vom wirtschaftlichen Zusammenbruch bedroht. Im Dezember 1916 mussten 39 Petrograder Betriebe wegen Brennstoffmangels und elf  wegen der Einstellung  der Stromversorgung schließen. Die Eisenbahnen konnten nicht einmal die Lebensmitteltransporte für die Armee bewältigen. Die Getreidezufuhr in die Städte schrumpfte radikal zusammen. Der Mehlvorrat für Petrograd reichte nur noch für 10 Tage. Fleisch gab es überhaupt nicht.  Die Arbeiterfamilien hungerten. Die zaristischen Behörden waren über die zunehmende Empörung der Massen beunruhigt. „Die Idee eines Generalstreiks gewinnt mit jedem Tag neue Anhänger und wird so populär, wie sie es im Jahr 1905 war“ meldete die Geheimpolizei Anfang 1917.

Die fortschreitende Paralysierung der Wirtschaft und die militärischen Niederlagen zerrütteten endgültig den alten Regierungsmechanismus. Er konnte die Interessen der russischen Bourgeoisie nicht mehr befriedigen. Alle diese Entwicklungen vertieften die Krise der Regierungspolitik. Doch das „Gespenst“ der Revolution drängte die Bourgeoisie stets zu einem Kompromiss mit dem Zarismus. Lenin schrieb: „Klar haben wir die Stellung der Monarchie und der Fronherren, der Gutsbesitzer, vor Augen: Russland nicht der liberalen Bourgeoisie ‚ausliefern‘; lieber ein Kompromiss mit der deutschen Monarchie. Ebenso klar ist die Stellung der liberalen Bourgeoisie: die Niederlage und die kommende Revolution ausnutzen, um von der erschreckten Monarchie Zugeständnisse und eine Teilung der Macht mit der Bourgeoisie zu erreichen“. (W.I. Lenin, Werke, Bd. 21, S. 86)

Das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen war aber dergestalt, dass kein Platz für einen Kompromiss übrig war. Die Bourgeoisie, die durch lebenswichtige Fäden mit der Monarchie verbunden war und die Revolution wie das Feuer fürchtete, war zu einem solchen Kampf nicht fähig. Versuche der Palastrevolution und oppositionelle Manöver rüttelten aber an der Zarenmacht und trugen dazu bei, sie zu unterspülen.

Die Arbeiter und die Armen kämpften für Brot, Frieden und echte Freiheit. Der Kampf der Oberen ging um die Ersetzung des einen Monarchen durch einen anderen Monarchen im Interesse der Fortsetzung des Krieges.

Die Bolschewiki – als einheitliches Zentrum mit den Massen

Die Selbstherrschaft konnte aber nicht von selbst zusammenbrechen. Es war eine Kraft erforderlich, die die entstandene Lage ausnutzen und den Zarismus beseitigen konnte. Diese Kraft war die russische Arbeiterschaft, die dabei bewusst die Erfahrungen der Revolution von 1905 nutzte. Es war vor allem den von den Bolschewiki erzogenen prawdistischen Arbeitern zu verdanken, dass sich die Traditionen und die Erfahrungen des revolutionären Kampfes gegen die Selbstherrschaft erhalten hatten.

Das proletarische Petrograd protestierte immer deutlicher und vernehmlicher gegen den Krieg, gegen den Hunger und den Zarismus. Anfang 1917 erlebte die Streikbewegung einen außerordentlichen Aufschwung. Die Zahl der politischen Streiks wuchs an. Mehr als 80 Prozent der Streikteilnehmer streikten im Januar 1917 aus politischen Gründen.

Das Proletariat forderte aber nicht nur Brot. Es verband diese Forderungen mit dem Kampf für die Freiheit, für die Revolution. Die proletarische Bewegung verschmolz mit den spontanen Soldatenprotesten. Die Zustände an der Front und in den Kasernen verstärkten die Verbitterung der Soldatenmassen. Unzufriedenheit nahm auch im städtischen Kleinbürgertum zu. Die revolutionäre Krise im Hinterland und an der Front reifte heran.

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre ließen sich vom Chauvinismus verirren. Er hinderte sie, selbst bei der Verwirklichung der Aufgaben der demokratischen Revolution konsequent zu sein. Sie verbanden den Kampf gegen die Selbstherrschaft in der Regel mit „Vaterlandsverteidigung“ und verfolgten eine Politik des Kompromisses gegenüber der liberalen Bourgeoisie. Sie wollten diese an die Macht drängen.

Anders die Bolschewiki. Sie kämpften um die Verbreiterung der Massenbasis und vermittelten unentwegt die Positionen der revolutionären Theorie. Schon Ende 1915 sagte Lenin: „Heute gehen wir wieder einer Revolution entgegen“ und bestimmte die nächsten Aufgaben der Partei. (W.I. Lenin, Werke, Bd. 21, S.425) „Die Klassenverhältnisse in der bevorstehenden Revolution klarzustellen ist die Hauptaufgabe einer revolutionären Partei“ hob er hervor. (Ebenda, S. 426)

In Unterschied zu den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, die ideologisch und organisatorisch zerrüttet und in autonome Gruppen gespalten waren, gelang es den Bolschewiki, ihre Organisation im ganzen Lande um ein einheitliches Zentrum in Gestalt des Russischen Büros  des ZK wiederaufzubauen. A.G. Schljapnikow schrieb in der ersten Februarhälfte 1915 an Lenin: „Man kann sagen, daß nur wir jetzt eine Gesamtrussische Organisation haben“. (Fragen der Geschichte der KPdSU, Nr. 9, 1965, S. 81, russ.) Als im Februar 1917 die revolutionäre Erhebung losbrach, waren die Bolschewiki mit den Massen und leiteten sie an. Die Bolschewiki erwiesen sich als furchtlose und zielklare Führer der revolutionären Kämpfe.

So konnte der Streikkampf einen Massencharakter annehmen und sich mit mächtigen politischen Demonstrationen verbinden. Man weiß, dass „spontane Ausbrüche beim Anwachsen der Revolution unvermeidlich sind“, (W.I. Lenin, Werke, Bd. 29, S. 385) In dieser stürmischen Entwicklung wirkte sich die Kraft nicht nur der geweckten Elementargewalt aus, sondern auch die der stetig wachsenden Elemente des Klassenbewusstseins  und der Organisiertheit. Die Arbeiter lehnten immer entschiedener die Kompromisspolitik ab und folgten den revolutionären Losungen der Bolschewiki. Am 14. Februar gab das Petersburger Komitee erneut ein Flugblatt heraus, in dem es hieß: „Wir dürfen nicht länger warten und schweigen. Die Arbeiterklasse und die Bauern in den grauen Militärmänteln und blauen Blusen müssen sich die Hände reichen und den Kampf gegen die ganze zaristische Clique führen, um der auf Russland lastenden Schmach für immer ein Ende zu machen … Die Zeit des offenen Kampfes ist gekommen!

Am 26. Februar begann der politische Generalstreik in einen bewaffneten Aufstand hinüberzuwachsen. Arbeiter gingen in die Kasernen, verbrüderten sich mit den Soldaten auf der Straße und riefen sie zum Aufstand auf. Am 27. Februar verbreiteten die Bolschewiki ein Flugblatt mit dem Manifest des ZK der SDAPR, in dem gefordert wurde: Die demokratische Republik, den Achtstundentag, die Konfiszierung der gutsherrlichen Ländereien, die sofortige Beendigung des räuberischen Krieges. Die Menschewiki erwähnten in ihrer Proklamation diese Forderungen nicht. Sie wollten die „Bildung einer Provisorischen Regierung“, welche „die Voraussetzungen für die Organisation eines neuen freien Russland schaffen wird“.

Ehrung, Bekenntnis, Kampfdemonstration

Die Demonstration nach Friedrichsfelde zu Karl und Rosa hatte immer diesen dreifachen Charakter

Zum Ende des Ersten Weltkriegs verkörperten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht als Angehörige der Spartakusgruppe die revolutionäre Arbeiterbewegung. Sie orientierten die Bewegung auf das unmittelbare Ziel der Revolution, die auf der Tagesordnung stand: Sie richteten den Hauptstoß gegen den deutschen Imperialismus und Militarismus mit dem Ziel, das kaiserliche Regime zu stürzen und den Krieg zu beenden. Als Lehre aus der Oktoberrevolution in Russland sollten Arbeiter- und Soldatenräte im festen Bündnis mit der Sowjetmacht gebildet werden.

Schon in den ersten Revolutionstagen im November 1918 wurden die Grundlinien des Klassenkampfes deutlich: Die Vertreter des Monopolkapitals konnten ihre Macht nur retten, wenn es ihnen gelang, die revolutionäre Bewegung aufzuspalten. Die neue Regierung, die sich zur Irreführung der Massen „Rat der Volksbeauftragten“ nannte und in der rechte Sozialdemokraten wie Ebert, Scheidemann und Noske führend waren, vereinbarten mit Vertretern der Obersten Heeresleitung Maßnahmen, um die kaiserliche Armee zu erhalten. Dies führte zum Aufbau der Freikorps „gegen die bolschewistische Gefahr“ und wurde unterstützt von der „Antibolschewistischen Liga“ – gefördert wurden sie von führenden Konzernherren. Die revolutionären Arbeiter organisierten politische Massenstreiks, bewaffneten sich, stellten Verbindung zu den Soldatenräten her und erhielten Unterstützung durch die Roten Matrosen. Sie kämpften um die Rätemacht, aber sie unterlagen.

Die Kämpfe hatten gezeigt, dass eine selbständige revolutionäre marxistische Kampfpartei zur dringenden Aufgabe geworden war, weshalb die Kommunistische Partei Deutschlands gegründet wurde. Die Konterevolution schuf mit ihrer antikommunistischen- antisowjetischen Hetze eine Pogromstimmung. Die Kommunisten und ihre Führer wurden gejagt, Arbeiter verhaftet, misshandelt und erschossen. Am 15. Januar 1919 wurden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg meuchlings ermordet. Die Beerdigung der Revolutionsopfer am 25. Januar wurde zur Demonstration Hunderttausender, obwohl Noske als „Volksbeauftragter für Heer und Marine“ Gebiete absperren ließ: Die Kreuzungen wichtiger Straßen glichen einem Heerlager, Demonstrationszüge wurden auseinandergejagt. Die Teilnehmer der Demonstration trauerten und bekannten sich zu den Auffassungen der Ermordeten, zu ihren Zielen und waren bereit, in ihrem Sinne zu kämpfen. Indem sie Karl und Rosa ehrten, haben sie ihre eigenen Interessen erkannt und verteidigt. Von da an gab es die Tradition des Massengedenkens im Januar.

1926 wurde ein Revolutionsdenkmal enthüllt und noch am 15. Januar 1933 demonstrierten kommunistische, sozialdemokratische und parteilose Arbeiter in 18 Zügen nach Friedrichsfelde gegen Faschismus und Krieg. Nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand schändeten die Faschisten das Denkmal, es wurde abgerissen und die Gräber eingeebnet. Am 13. Januar 1946 demonstriert die befreite Arbeiterklasse nach Friedrichsfelde zu der Stelle des alten Denkmals, das in Stoff nachgebildet war.

Nach der Gründung der DDR wurde die Gedenkstätte geschaffen, wie wir sie heute kennen, und 1951 eingeweiht. Sie ehrt die Helden der Revolution und zeigt, wie ihr Wirken fortgesetzt wurde im Kampf gegen den Faschismus und in der Herstellung der Einheit der Arbeiterbewegung im Kampf um den Aufbau des Sozialismus, gegen das Wiedererstehen des deutschen Imperialismus. An der Spitze der Massendemonstration marschierte die Partei- und Staatsführung der DDR. Die Losungen, die getragen wurden, zeigten die Forderungen und Aufgaben, die auf der Tagesordnung standen. Eine besondere Bedeutung hatten die Kampfgruppen der Betriebe in der Demonstration.

Nach der Konterrevolution 1989 wurde die Tradition aufrechterhalten. Heute finden verschiedene linke Strömungen zusammen und organisieren die Demonstration gemeinsam. Auch heute sind die Losungen, die getragen oder in Aufrufen und Reden betont werden, bestimmt von dem Zusammenhang des Kampfes um den Frieden und sozialen Fortschritt.