Personalnotstand in den Berliner Krankenhäusern

Anstoß: Hallo Richard, könntest Du dich erst einmal kurz vorstellen?
Ich arbeite als Krankenpfleger in einem großen Krankenhaus im Süden Berlins und bin 50 Jahre alt.

Richard: Natürlich arbeite ich im Dreischichtsystem, da gibt es keine richtigen Feiertage oder Brückentage. Es handelt sich um eine periphere Station mit hoher Fluktuation bei den Patienten. Diese kommen auf die Station, erhalten diagnostische, z.T. therapeutische Maßnahmen und gehen wiedeRichard Die Fallzahl, d.h. der Durchlauf hat sich immer weiter erhöht.

Anstoß: Wie sind deine Arbeitsbedingungen? Könntest Du kurz beschreiben, wie ein Arbeitstag bei Dir aussieht?

Richard: Im Frühdienst werden in einer ersten Runde Infusionen angehängt und Vitalzeichen überprüft. Z.T. auch Betten machen und Hilfe bei der Körperpflege. Danach Ausarbeitung der Visite und Fortführung der Dokumentation. Parallel werden Entlassungen und Aufnahmen abgewickelt, manchmal mehr als 12 am Tag. Zum Abschluss noch eine Runde durch alle Zimmer, bei der die neuen Anordnungen umgesetzt werden. Außerdem laufend Vor- und Nachbereitung der Diagnostik.
Um bis zu 20 Patienten muss ich mich kümmern. Hängt von der Schicht ab und von der aktuellen Besetzung. Im Nachtdienst bis zu 34. Nachts habe ich auch keine Zeit für Pausen.

Anstoß: Und wie ist das Gehalt?

Richard: Also, ich arbeite verkürzt, 30 Stunden laut Vertrag. Überstunden fallen oft an und werden viel später wieder abgebaut. Ich verdiene einschließlich Zeit- und Schichtzuschlägen ca. 1800 Netto.

Anstoß: Was sind die Konsequenzen, konkret für die Belegschaft, von dem Personalmangel?

Richard: Viele werden krank. Auch psychisch krank. Viele junge Kollegen gehen einfach. Neues Personal findet sich kaum. Es wird ja auch nichts geboten. Es fehlen jetzt schon Dutzende Fachkräfte, und bald soll die Bettenzahl aufgestockt werden. Viele Kollegen leiden unter Burn-out. Besonders Stationsleitungen sind da oft betroffen. Die Anforderungen sind einfach nicht zu bewältigen.

Anstoß: Wie gefährdet sind die Patienten durch den Personalmangel deiner Meinung nach?

Richard: Gerade die pflegeintensiven Patienten und instabile Patienten kommen zu kurz. Da geht schon mal was schief. Wir sehen die Patienten oft nur zweimal pro Schicht. Das reicht bei vielen überhaupt nicht aus. Das Risiko von Unterlassungen, Pflegefehlern oder Kunstfehlern (der Ärzte) ist recht hoch. Und dies passiert auch.

Anstoß: Wer profitiert deiner Meinung nach von dieser Sparpolitik?

Richard: Es profitieren die Eigentümer der Klinik. Die fahren die Auslastung nach oben, bei weniger Personal. Da werden kräftig Gewinne gemacht. Natürlich auf den Knochen des Personals, auch der Ärzte usw. Und am meisten leiden die Patienten. Natürlich gibt es dazu keine Statistik.

Anstoß: Was sollte passieren, damit Eure Arbeitsbedingungen sich verbessern?

Richard: Mehr (Fach-)Personal, Begrenzung der Fallzahl auf das leistbare Maß, bessere Bezahlung, konkrete Regelungen zur Entlastung, damit zu jeder Zeit eine fachlich qualifizierte Arbeit möglich ist.

Anstoß: Wie sollte die Gesundheitsversorgung insgesamt organisiert werden deiner Meinung nach?

Richard: Die Gesundheitsversorgung gehört in staatliche Hände, unter demokratischer Kontrolle. Eine einheitliche Krankenversicherung für alle. Durchsetzung des Solidarprinzips und der paritätischen Finanzierung. Bedarfsorientierte Ausfinanzierung aller Leistungen des Gesundheitswesens.

*Name wurde von der Redaktion geändert